Kritik zu The End Of Oak Street
David Robert Mitchell entwickelt aus einer verstiegenen Prämisse ein Szenario voller Schrecken und Situationskomik
Es ist eine schwierige Disziplin, Spannung zu schüren und das Publikum rätseln zu lassen, wenn bereits jedermann die Überraschung kennt. Damit die ZuschauerInnen die Ankündigung des Erwarteten nicht als vertane Zeit empfinden, hilft es, wenn ein Filmemacher sie einweiht in die Dramaturgie des Vorspiels. Hier eine in Windeseile gewachsene Pflanze, die es seit Jahrmillionen nicht mehr gibt; dort ein riesiger Dunghaufen im Garten; und im Hintergrund ein ominöses Rascheln, das durch Gestrüpp und Wald geht.
David Robert Mitchell hat ein Riesenvergnügen daran, sein Publikum im wohligen Glauben zu wiegen, zum Komplizen des Verhängnisses geworden zu sein. Er ist voller Zuversicht, dass sein Eintreten die KinogängerInnen dann doch unvermittelt erwischt. Was nach der Exposition geschieht, bereitet ihm ebenfalls einen Heidenspaß. Die beschauliche Vorstadtsiedlung Flower Vale wird aus dem Jahr 1982 jäh ins Erdmittelalter expediert. Wo sich eben noch die propere Nachbarschaft bei Sackhüpfen und Barbecue ergötzte, marodieren nun hungrige Saurier und andere Monster. Aus der Artenvielfalt des Mesozoikums haben es vorrangig die fleischfressenden Spezies ins Drehbuch geschafft. Sie töten schnell und brutal. Aber auch die Riesenschlange, die enorme Gemütsruhe ausstrahlt (und eigentlich aus einem ganz anderen Zeitalter stammt), sollte man nicht unterschätzen. Situationskomik und Terror gehen Hand in Hand, was Michael Giacchinos agile Partitur munter vorausahnt. Die Tochter in der Familie Platt, die sich für Astronomie interessiert, hat eine Erklärung für die Katastrophe parat: Es hat einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum gegeben. Das muss genügen für diese Art von Film, deren schönste Sorge das Spektakel und die Rettung der amerikanischen Kernfamilie sind. Die entfremdeten Eltern – der Vater (Ewan McGregor) verheimlicht, dass er seinen Job verloren hat; die Mutter (Anne Hathaway) schreibt verstohlen an einem Roman über eine frustrierte Hausfrau, die sich trennen will – haben nun die Chance, ihre Probleme im Angesicht der vorzeitlichen Anfechtungen zu überwinden. Zu der komplizierten Familienaufstellung gehört noch ein Sohn, der ein ausnehmend schlechter Bogenschütze ist und sich in ein Nachbarmädchen verguckt hat, das aber viel mehr mit seiner Schwester anfangen kann. Sie ist übrigens der einzige Familienzuwachs, denn von Kooperation und Waffenhilfe ist in dieser Nachbarschaft kurioserweise nichts zu spüren.
Die Vorstadtidylle stammt aus den mythischen USA, in denen Anfang der 1980er zahlreiche Filme spielten, die Spielberg inszeniert oder produziert hat. So düster und desolat (nun ja, zumindest anfangs nicht) wie in »It Follows« ist diese Suburbia nicht. Aber Mitchell macht sie sich trotz aller Hommage-Seligkeit (Produzent ist der gewiefte Epigone J. J. Abrams) doch zu eigen. Er erkundet sie in argwöhnischen Suchfahrten, sein bewährter Kameramann Mike Gioulakis, ein Spezialist für originellen Horror, stellt mit Zooms eine fließende Spannung her zwischen Vorder- und Hintergrund. In dieser Idylle lauern noch andere Schrecken als die aus der Urzeit.




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