Kritik zu Spaziergang nach Syrakus
Basierend auf dem Roman »Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus« erzählt Lars Jessen (»Mittagsstunde«) von einem Mann, den das Fernweh zur Flucht aus der DDR treibt. Und der nach seiner Reise zurückwill …
Heim- und Fernweh können sich sehr nah sein. Das merkt auch Paul Gompitz. Er lebt Anfang der 80er in der DDR und hat eigentlich nicht das Bedürfnis, seine Heimat zu verlassen. Aber reisen möchte er, vor allem nach Italien. Seit er Johann Gottfried Seumes »Der Spaziergang nach Syrakus« gelesen hat, träumt er davon, diesen Weg ebenfalls zu gehen. Als jedoch alle Versuche, legal auszureisen, scheitern, plant Paul über mehrere Jahre hinweg seine Flucht mit einem Segelboot – nach seiner Reise möchte er aber wieder zurückkehren.
Der Film basiert auf dem Roman »Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus« von Friedrich Christian Delius, der wiederum durch die reale Biografie von Klaus Müller inspiriert ist. Die Erzählstruktur mit Rahmenhandlung mutet zunächst konventionell an: Viele Jahre nach den Ereignissen erzählt Paul einem Kellner in Italien seine Geschichte. Pauls Erzählstimme rafft fortan in klassischem Literaturverfilmungsstil Handlungsstränge, erklärt Gedanken und Gefühle. Erzählt wird hier allerdings keine heroische Fluchtgeschichte, sondern es entwickelt sich eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Ambivalenz des Lebens in der DDR. Paul geht es prinzipiell gut. Er verdient als Kellner auf einem Boot genug Geld, ist sozial eingebunden und besitzt mit seiner Frau Anne eine Datsche an der Ostsee. Die immer wieder eingeblendeten Postkartenmotive der ostdeutschen Küste können mit den späteren aus Italien locker mithalten – im Gegensatz zu den grauen Fassaden von Bochum, wo Paul schließlich unterkommt. Aber es gibt auch die Schattenseiten: Militärkontrollen an der Ostsee, Parmesan nur als Imitation; Matrose konnte Paul nicht werden, weil er nicht studieren durfte. Dann ist da eben die Reisesperre, die Paul zunehmend rebellisch macht.
Anne ahnt, was Paul vorhat, und versucht, ihn davon abzubringen. Nicht weil sie vom Staat überzeugt ist, sondern weil sie glaubt – und man kann das hier gut nachvollziehen –, dass es einfacher ist, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Der lange Abschnitt, der Pauls Reisevorbereitungen und den Alltag in der DDR zeigt, ist das Herzstück des Films. Präzise und authentisch entwickeln Charly Hübner und Lina Beckmann die Beziehung ihrer Figuren: Da sind ganz viel Zärtlichkeit und Geborgenheit, da ist aber auch die Distanz, die Pauls Fernweh auslöst. Im Vergleich dazu wirkt das letzte Drittel etwas gehetzt. Wie Pauls Träume sich auf seiner Reise erfüllen und er zugleich Sehnsucht nach Anne und seinem Zuhause spürt, wird eher angeteasert als auserzählt, ebenso die Enttäuschung und Entfremdung, die Anne empfindet. Vielleicht spannt der Film auch einen zu weiten geschichtlichen Bogen: Anders als in der Romanvorlage fällt Pauls Rückkehr mitten in den Mauerfall, die Rahmenhandlung spielt während der WM 2006, dem Sommermärchen. Dennoch ist es eine vielschichtige Geschichte, die über die DDR als Thema weit hinausweist. Was bedeutet Heimat? Welchen Preis zahlt man für die Erfüllung seiner Sehnsüchte? Was bedeutet es, frei reisen zu können oder eben nicht? Das sind universelle Fragen.




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