Interview: Lance Oppenheim über »Primetime«
Lance Oppenheim. © Sinna Nasseri
Schon als er noch die High School besuchte, drehte der aus Florida stammende Lance Oppenheim kurze Dokumentarfilme, die zum Teil sogar im Fernsehen ausgestrahlt wurden. Vor sechs Jahren feierte dann sein erster Langfilm »Some Kind of Heaven« beim Festival in Sundance Premiere, gefolgt vier Jahre später von »Spermworld«, für den er drei Samenspender begleitete. Mit gerade einmal 30 Jahren legt Oppenheim nun seinen ersten Spielfilm vor: »Primetime« (aktuell im Kino) erzählt die wahre Geschichte der vor 20 Jahren sehr populären Reality-TV-Show »To Catch a Predator«, in der vor laufenden Kameras Männer überführt wurden, die im Internet Kontakt mit Minderjährigen gesucht hatten. Als Moderator Chris Hansen ist Robert Pattinson zu sehen, der den Film mit seiner Firma auch produziert hat. Wir trafen den Regisseur beim Festival in Venedig zum Interview.
Mr. Oppenheim, bislang haben Sie praktisch ausschließlich dokumentarisch gearbeitet. Haben Sie immer schon von einem Spielfilm geträumt oder hat sich »Primetime« eher zufällig ergeben?
So linear oder binär habe ich nie darüber nachgedacht. Mich haben schon immer die Geschichten am meisten interessiert, bei denen die Grenzen zwischen dem dokumentarischen und dem fiktionalen Erzählen verwischen. »On the Bowery« zum Beispiel, »Dark Days« von Marc Singer oder nicht zuletzt Abbas Kiarostamis »Close-Up«. Wie schafft man es, dass sich ein Dokumentarfilm noch unmittelbarer anfühlt? Wie kann man echtes, menschliches Drama so präsentieren, dass es sich fast anfühlt wie ein Hollywood-Drama, mittels der Sprache des Kinos? Wie lässt sich Dokumentarisches subjektiv erzählen statt objektiv? Das waren und sind die Fragen, die mich als Filmemacher umtreiben. Und interessanterweise passt in diesen Kontext ausgerechnet »To Catch a Predator« bestens hinein, die Reality-Show, um die es in »Primetime« geht.
Wie meinen Sie das?
Die Show war auf seltsame Weise theatralisch und künstlich. Das fing damit an, dass der Journalist und Moderator Chris Hansen erwachsene Schauspieler*innen engagierte, um jugendliche Lockvögel für Pädophile zu spielen. Es kamen immer wieder die gleichen Requisiten wie Kekse und Salami-Pizza zum Einsatz, und diese Häuser, in denen gedreht wurde, waren entworfen wie Kulissen, den Bedürfnissen der Kameras angepasst. All das war aber Teil der sehr realen Situation, dass es da einen Mann gab, der in dieses Haus kommt in der Absicht, etwas Grauenvolles zu tun. Im Rückblick denke ich, dass »To Catch a Predator« damals, als ich die Sendung als Teenager erst durch eine »South Park«-Parodie und dann auf YouTube entdeckte, das erste Mal war, dass ich fasziniert war von der Mischung aus Wahrheit und Fiktion. Mir war nicht klar, was ich da sehe: eine Sendung, in der es um Streiche mit der versteckten Kamera geht, eine Reality-Show oder doch eine Nachrichtenreportage? Fast frage ich mich heute, ob ich ohne diese Sendung womöglich nie Dokumentarfilmregisseur geworden wäre.
Was fasziniert Sie so an Chris Hansen, der in »Primetime« nun von Robert Pattinson gespielt wird?
Er ist ein hochinteressantes Beispiel dafür, wie Ehrgeiz und Ruhm einen Menschen verändern können. Und in seinem Fall, wie man geradezu in Beschlag genommen werden kann von der Persona, die man für die Öffentlichkeit kreiert hat. Vor einigen Jahren hat mir meine Frau mal einen Videogruß von Hansen geschenkt, den sie über die Plattform Cameo bestellt hatte. Darin beglückwünschte er mich zu meinem ersten Film »Spermworld«, und auf ganz erstaunliche Weise kam in diesem kurzen Clip ganz vieles zusammen. Der Journalist in ihm kam durch, weil er ganz viel zu mir recherchiert hatte, aber gleichzeitig konnte er es nicht lassen, all die ikonischen Schlagworte und Phrasen zu verwenden, die damals bei »To Catch a Predator« sein Markenzeichen waren und ihn später zum Meme in sozialen Netzwerken werden ließen. Und nebenbei machte er Werbung für die im Grunde ganz ähnlichen Formate, die er heutzutage auf der Plattform TruBlue präsentiert.
Kam Ihnen durch dieses Video der Gedanke, einen Film über ihn und seine Show zu drehen?
Nein, aber ich erwähnte den Cameo-Clip gegenüber Robert Pattinson, als wir uns das erste Mal vorgestellt wurden. Da stellte sich heraus, dass Rob selbst einen Bezug zu Hansen hatte, denn er hatte damals immer fasziniert »To Catch a Predator« im Fernsehen geschaut, als es ihn am Anfang seiner Karriere erstmals in die USA verschlug. Einige Wochen später war ich bei Robs Geburtstagsparty und seine Produktionspartnerin Brighton hielt mir ihr Telefon unter die Nase: »Du wirst nicht glauben, was wir heute bekommen haben!« Es war das Drehbuch von Ajon Singh, das damals noch den Titel »To Catch a Predator« trug. Noch in der gleichen Nacht las ich es durch und war begeistert von seinem Ansatz, ein unkonventionelles, eher postmodernes Biopic zu erzählen, das etwas von einem Fiebertraum hat. Ich musste an Oliver Stones »JFK« denken, wo die Vorlage ein knappes historisches Dokument war und das Ergebnis ein halluzinatorisches Experiment.
War Pattinson nicht nur als Produzent, sondern auch als Hauptdarsteller eigentlich der Schlüssel dazu, diesen Film letztlich umsetzen zu können?
Sicherlich, wobei das anfangs gar nicht sein Plan war. Aber ich konnte ihn überzeugen, und dass mir das gelungen ist – zu einer Zeit, in der die größten Filmemacher der Welt sich um ihn reißen – ist ein großes Glück. Zumal er mir als Regisseur die Arbeit leicht machte, so gut wie er ist und so leidenschaftlich er sich der Rolle verschrieb. Ich arbeitete mit ihm letztlich fast wie mit den Protagonisten meiner Dokumentarfilme. Und ich war begeistert, wie er nicht nur Hansens Stimme hinbekam, sondern all die anderen Kleinigkeiten, die sein Image ausmachten. Für mich war es, als würde Rob nicht nur einen Chris Hansen spielen, sondern alle Versionen von Hansen, die je medial existierten. Quasi als Collage. Und gleichzeitig spielte er ihn als Dracula ebenso wie als Jerry Maguire. Was er selbst allerdings ganz anders sah. Seine Referenz war erstaunlicherweise immer »Braveheart«.
Bleibt natürlich noch die Frage nach dem echten Chris Hansen. Haben Sie den je persönlich getroffen?
Näher als mit besagtem Video bin ich ihm nie gekommen. Was ich aber auch nicht versucht habe. Vor einigen Monaten fing er dann an, mir auf Instagram zu folgen und seither markiert er mich manchmal in seinen Storys. Etwa wenn er seine neue Show promotet, aus mir nicht erklärlichen Gründen. Ich würde es spannend finden, ihn mal zu treffen, gerade weil er längst und wahrscheinlich sogar bewusst zu der parodistischen »South Park«-Version seiner selbst geworden ist, durch die ich damals auf ihn aufmerksam wurde.





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