Deutsche Festivalfilme: Über den Tellerrand

»Geister« (2026). © Warner Bros. Entertainment Inc.

»Geister« (2026). © Warner Bros. Entertainment Inc.

Die internationalen Erfolge zeigen, wie durchlässig deutsches Kino geworden ist

Der deutsche Film erlebt ein außergewöhnliches Jahr. Valeska Grisebachs »Das geträumte Abenteuer« gewann in Cannes den Preis der Jury, Paweł Pawlikowski für »Vaterland« den Regiepreis, Sandra Wollner mit »Everytime« den Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard und im August in Sarajevo. Visar Morinas »Von Scham und Geld« erhielt in Sundance den Hauptpreis des internationalen Spielfilmwettbewerbs. Sandra Hüller gewann für »Rose« den Silbernen Bären und könnte mit dem Film bis zu den Oscars gelangen. Marie Kreutzers »Gentle Monster« wurde in den Cannes-Wettbewerb eingeladen, Ann Orens »Objet a« und Isabelle Stevers »Selten wache ich träumend auf« liefen in Locarno. Dass die Filme von Grisebach, Pawlikowski, Morina und Kreutzer nun im selben Monat in die deutschen Kinos kommen, macht die internationale Erfolgsserie noch einmal bemerkenswert sichtbar.

Eine vergleichbare Häufung liegt lange zurück. 2009 gewannen Maren Ades »Alle Anderen« zwei Silberne Bären, Michael Hanekes deutsch koproduziertes »Das weiße Band« die Goldene Palme und Fatih Akins »Soul Kitchen« den Spezialpreis der Jury in Venedig. 2023/24 sorgten »Im Westen nichts Neues« und die beiden Cannes-Erfolge mit Sandra Hüller für noch größere Oscar-Aufmerksamkeit. Doch so breit wie 2026 – über mehrere Festivals, Regiegenerationen und Produktionsformen hinweg – war deutsches Kino international lange nicht vertreten.

Das New York Film Festival hat nun »Das geträumte Abenteuer«, »Vaterland«, »Rose«, »Everytime« und »Selten wache ich träumend auf« in seine nur 32 Filme umfassende Main Slate aufgenommen, ebenso Angela Schanelecs »Music«. Dort erscheinen sie zwischen Filmen von Pedro Almodóvar, Lee Chang-dong und Mike Leigh als selbstverständlicher Teil des Weltkinos. Toronto hat unter anderem Grisebach und Wollner eingeladen. San Sebastián wird am 18.9. mit Fatih Akins neuem Film »Geister« eröffnet, im Wettbewerb läuft außerdem die deutsch-polnische Produktion »Krux«, Werner Herzog erhält den Donostia Award.

Dabei entsprechen gerade die erfolgreichsten Filme kaum der herkömmlichen Vorstellung vom deutschen Kino. Grisebach drehte in Bulgarien, mit bulgarischen Darstellern und überwiegend bulgarischem Team. »Vaterland« handelt zwar von Thomas und Erika Mann und der deutschen Nachkriegsverdrängung, wurde aber von einem polnischen Regisseur in mehreren Ländern inszeniert. »Rose« ist ein Film des Österreichers Markus Schleinzer, spielt im Deutschland des 17. Jahrhunderts, entstand teilweise im Harz und wird von Hüller getragen. Österreich hat die Koproduktion als Oscar-Beitrag ausgewählt, Hüller wird bereits für eine zweite Nominierung gehandelt.

Auch »Gentle Monster« lässt sich nicht sinnvoll mit einem einzigen Herkunftsetikett versehen. Regie führte die Österreicherin Marie Kreutzer, die Hauptrolle spielt die Französin Léa Seydoux, Jella Haase die zweite große Frauenrolle. Gedreht wurde auch in Berlin und Bayern. Die Nationalität dieses Films verteilt sich auf Biografien, Schauplätze und künstlerische Beiträge.

Noch deutlicher wird das bei »Von Scham und Geld«. Morina lebt seit seiner Jugend in Köln, sein auf Albanisch gedrehter Film erzählt vom sozialen Abstieg einer Familie im Kosovo und wurde federführend von der Berliner Schuldenberg Films produziert. Die Berlinale lehnte ihn ab. Sundance nahm ihn in den Wettbewerb auf, wo er den Grand Jury Prize erhielt. Danach folgten Sydney, Karlovy Vary, Sarajevo und der CineMasters Award in München. Erst der Erfolg im Ausland machte den Film auch hier unübersehbar, verschaffte ihm einen Verleih.

Schuldenberg Films steht auch hinter »Objet a« der in Israel geborenen Wahlberlinerin Ann Oren. Ebenfalls in San Sebastián läuft diesen Monat »Lovers Sleep Alone«, eine deutsche Produktion des iranischen Regisseurs Massih Parsaei über einen Iraner in Berlin. Der Begriff »deutscher Film« bezeichnet längst ein bewegliches Geflecht von Herkunft, Arbeitsort und Perspektive.

Die Erfolge dieses Jahres taugen deshalb nur bedingt als nationale Trophäensammlung. Sie zeigen vielmehr, wie produktiv das deutsche Kino wird, sobald Herkunft nicht mehr mit Identität verwechselt wird. Seine internationale Stärke liegt derzeit nicht im Wiedererkennungswert des Deutschen, sondern in seiner Durchlässigkeit: für andere Sprachen, Erfahrungen und Blicke. Eine kluge Filmpolitik müsste genau diese Offenheit zum Ausgangspunkt nehmen.

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