Buch und Buchvorstellung: Hollywood an der Leine
Fast 100 Spielfilme entstanden einst in Göttingen. Der Band »Hollywood an der Leine« zeichnet die überraschende Geschichte der einstigen Filmmetropole nach und eröffnet neue Perspektiven auf das westdeutsche Kino
»Filmmetropolen«, das meint in Deutschland heute ausschließlich Großstädte wie Berlin und München, vielleicht noch Hamburg – aber das war nicht immer so. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das heute als Universitätsstadt bekannte Göttingen eine Filmmetropole. Das war zum einen der Tatsache geschuldet, dass die Stadt im Krieg weitgehend unzerstört geblieben war, zum anderen dem Enthusiasmus einiger junger Leute, die hier begannen, eine Filmwirtschaft aufzubauen. In erster Linie wären da der spätere ARD-Intendant Hans Abich und der Regisseur Rolf Thiele zu nennen, die sich dort mit ihrer neu gegründeten »Filmaufbau« ansiedelten. Warum Göttingen? Weil Abichs Tante dort Eigentümerin eines geräumigen Hauses war, in dem die beiden die Räume für ihre Produktionsfirma unterbringen konnten. Nach einjährigen Umbauarbeiten wurde 1948 ein Atelierkomplex eröffnet, den sie allerdings nach dem Kassenflop ihres Debütfilms »Liebe 47« (nach Wolfgang Borcherts Bühnenstück »Draußen vor der Tür«) wieder verkaufen mussten. Sie blieben jedoch in der Stadt und landeten mit dem Nachfolgefilm »Nachtwache« einen veritablen Kassen- und Kritikererfolg, dem weitere Filme folgten, u. a. eine Reihe von Thomas-Mann-Verfilmungen.
33 Beiträge von 26 Autorinnen versammelt das Buch »Hollywood an der Leine« und vermittelt damit einen so facettenreichen wie lebendigen Eindruck davon, dass Göttingen »Mitte der 1950er Jahre die filmfreudigste Stadt der jungen Bundesrepublik« war – fast 100 Spielfilme entstanden hier bis 1961, als das Fernsehen der Kinoindustrie schwer zusetzte.
Das Buch würdigt neben der »Filmaufbau« auch Firmen, über die bisher wenig geschrieben wurde, besonders aufschlussreich ist der Beitrag über Gero Weckers Arca-Film, die mit dem Verleih des schwedischen »Sie tanzte nur einen Sommer« begann, bei dem »eine freizügige Badeszene mit Hauptdarstellerin Ulla Jacobsson« dazu führte, dass »die Leute die Kassen stürmten«. Mit Filmen wie »Liane, das Mädchen aus dem Urwald« (mehr Nacktheit) und solchen, die um »Rauchgiftsucht, Prostitution und Homosexualität« kreisten, fand Wecker sein Publikum, dem er ab 1968 noch die Aufklärungsfilme mit Oswalt Kolle folgen ließ.
Neben Firmenporträts stehen auch die Würdigungen von Persönlichkeiten aus der Göttinger Filmgeschichte: Der Komiker Heinz Erhardt (zu dessen Ehren dort ein Platz benannt wurde) drehte hier zwischen 1956 und 1958 acht Filme; der Filmarchitekt Walter Haag war hier lange tätig; es gab eine Trickfilmproduktion, in der 1950 die erste abendfüllende bundesdeutsche Trickfilmproduktion, »Tobias Knopp – Abenteuer eines Junggesellen«, entstand; es gab die Arbeit des »IWF – Institut für den wissenschaftlichen Film«; auch die Kinolandschaft wird gewürdigt. Der Text über Walter Kirchners »Neue Filmkunst«, deren Filme nicht nur durch die grafischen Plakate von Heinz Hillmann auffielen, sondern auch ganze Generationen mit künstlerischen ausländischen Filmen bekannt gemacht haben, ist allerdings enttäuschend kurz ausgefallen. Insgesamt ist das reich illustrierte Buch ein wichtiger Beitrag zur bundesdeutschen Filmgeschichte, weil es den Blick weitet vom Leinwandgeschehen auf die Apparate und Strukturen drumherum.
Sven Schreivogel/Alexander Siebrecht (Hg.): »Hollywood an der Leine. Film in Göttingen«. Schüren Verlag, Marburg 2026, 454 S., € 38,–.
Die Herausgeber Sven Schreivogel und Alexander Siebrecht stellen das Buch am Mittwoch, den 23.9. um 20 Uhr im Berliner Klick-Kino vor, anschließend läuft Wolfgang Staudtes Film »Rosen für den Staatsanwalt«, zu dem Außenaufnahmen u. a. in Göttingen entstanden.





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