Kritik zu Dry Leaf

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Nach dem vielfach preisgekrönten »Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?« nimmt das neue Werk des georgischen Regisseurs Aleksandre Koberidze einige Motive des Vorgängers wieder auf – und ist doch deutlich radikaler.

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Die Liebe zu surrealen Volten, zum ironischen Spiel mit den erzählerischen Möglichkeiten des Mediums Film und zu märchenhafter Poesie wie aus einer anderen Welt: All diese Aspekte, die schon Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? auszeichneten, kennzeichnen auch »Dry Leaf« – ebenso wie die Liebe zum Fußball. Doch ganz so leicht macht es Aleksandre Koberidze dem Betrachter hier nicht, sich zurückzulehnen und genussvoll in seine skurrile Welt einzutauchen. Und wer sich bei der (inhaltlich völlig korrekten) Beschreibung »Roadtrip durch die ländlichen Regionen Georgiens« prachtvolle Landschaftspanoramen und idyllische Ansichten dörflichen Lebens vorstellt, wird enttäuscht werden. Denn Dry Leaf stößt einen visuell erst mal vor den Kopf: Der 180 Minuten lange Film ist auf einem Sony-Ericsson-Handy w595 aus dem Jahr 2008 gedreht – »pixelig« ist da für unsere an hochauflösende Bilder gewohnten Augen noch ein Euphemismus. Es ist eine Zumutung in 4:3.

Wenn also der besorgte Vater einer verschwundenen jungen Fotografin auf der Suche nach ihr kreuz und quer durchs Land fährt, haben wir bisweilen mit der Frage zu tun, was da gerade zu sehen ist und in impressionistisch hingetupften Farbflächen nach einer gültigen Form zu suchen scheint. Man muss sich auf dieses Versteckspiel mit der eigenen Wahrnehmung einlassen, um die eigensinnige Poesie von »Dry Leaf« zu erhaschen.

Schon der Titel ist hintersinnig. Ja, im Film sind mehrfach auf Straßen oder Wiesen gefallene Blätter in Großaufnahme zu sehen. Aber »Dry Leaf« ist auch der englische Begriff für »Flatterball«, also jene fiese Variante eines Balls, dessen Flugbahn durch Luftströmungen unberechenbar wird. So ein Flatterball ist auch der Film, der mit einer scheinbar klaren Plotprämisse beginnt: Die junge Fotografin hat einen Brief hinterlassen, in dem sie zwar keinen Grund für ihr Verschwinden angibt, aber darum bittet, sich keine Sorgen zu machen und sie nicht zu suchen. Den Eltern lässt dies natürlich keine Ruhe, und so nimmt ihr Vater Irakli (gespielt von David Koberidze, dem Vater Aleksandre Koberidzes) die einzige Spur auf – ihre Reportage über Fußballplätze im ländlichen Georgien. Als Begleiter nimmt Irakli ihren geheimnisvollen Freund Levani mit auf den Trip. Levani ist unsichtbar, wie auch zahlreiche Menschen, denen die beiden unterwegs begegnen und die sie nach der Tochter fragen. Die Reise führt sie von einem dörflichen Bolzplatz zum nächsten. Mal verfährt man sich, mal findet man gar keinen Fußballplatz, mal gerät man in ein kleines Folklorefestival mit georgischen Chören, mal in eine Autowaschanlage, die für faszinierende Schaumschlieren auf den Autofenstern (zusätzlich zu den digitalen Schleiern) sorgt. Immer wieder zieht malerischer und geheimnisvoller Nebel durch die Landschaften. Oder eine schwarze Gestalt mit leuchtenden Augen glotzt aus einem Fenster – eine Katze, ein Dämon?

Nur von der Tochter findet sich zunächst nicht die geringste Spur. Und wir erfahren auch kaum etwas über sie, über ihren Vater oder den Freund, obwohl von Zeit zu Zeit ein Erzähler den Faden aufnimmt und die Ereignisse – beziehungsweise die Abwesenheit von Ereignissen – mit lakonischer Schlichtheit und Ruhe kommentiert, während die Musik bisweilen eine eher abwegige Spannung suggeriert.

Hat man einmal die Frequenz des äußerst fein- und eigensinnigen Humors erfasst und findet man obendrein Spaß daran, an der Nase herumgeführt zu werden, kann »Dry Leaf« ein erstaunliches Vergnügen sein. Das Eigenleben seiner niemals ganz zur Ruhe kommenden Bilder erinnert manchmal an David Lynchs Spiel mit den pixeligen Geheimnissen der Mini-DV-Bilder in »Inland Empire« – eine Reflexion über unsere Wahrnehmung. Hier allerdings lauert in den Illusionen nicht der Horror, sondern ein märchenhafter Zauber, den besonders die Irrwege der Wahrnehmung ausüben, ihre Unberechenbarkeit und Fehlbarkeit, ihre vielfältigen, nie ganz zu ergründenden Geheimnisse, die uns zu den wunderbarsten Umwegen und Abschweifungen verleiten.

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