Kritik zu Sechswochenamt

Jacqueline Jansens großartiges Spielfilmdebüt erzählt von einer jungen Frau, die in der rheinischen Provinz unter schwierigen Bedingungen versucht, ihre verstorbene Mutter würdig zu verabschieden

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Es beginnt mit Atemzügen: dem letzten, tief aufseufzenden der Mutter; und dann, nach einer kleinen Weile, in der sie realisiert, was passiert ist, dem der Tochter, und auch in diesem liegt ein Aufseufzen. Sie haben es überstanden, beide. Aber während die Mutter nunmehr aufgehört hat zu sein und keiner weiß, ob und wohin ihre Seele sich auf den Weg macht, liegt vor der Tochter noch eine Menge Organisation. Die Abwicklung eines Lebens gemäß den bürokratischen Vorgaben eines Landes, in dem gern immer alles mit Recht und Ordnung zugehen soll. Wie es sich gehört halt und wie man das eben so macht. In dieser Hinsicht steht die 25-jährige Lore, die das Sterben ihrer Mutter an Krebs im Hospiz begleitet hat, gleich in mehrfacher Hinsicht vor Herausforderungen. Diese sind Gegenstand des unabhängig produzierten Spielfilmdebüts »Sechswochenamt« von Jacqueline Jansen. Beim Filmfest in München im vergangenen Jahr erhielt das autofiktionale Werk den FIPRESCI-Preis sowie zwei Förderpreise Neues Deutsches Kino, für Jansen und für Magdalena Laubisch in der Hauptrolle Lore.

Es fällt nämlich der Tod von Lores Mutter mit dem Beginn der COVID-Pandemie zusammen, was die Erfüllung letzter Wünsche erschwert. Alle sind verunsichert und in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. Im Zuge der hartnäckig die immer neuen Regeln herausfordernden Bemühungen der Tochter wird aber auch deutlich, welche nicht nur familiären Verwerfungen der von der Norm abweichende Lebensstil der Mutter in der Kleinstadt Erkelenz in NRW verursacht hat. Sowohl Lores Schwester als auch die Oma verhalten sich distanziert, so bleibt das meiste an Lore hängen. Tapfer navigiert die vom vielfachen Verlust sowie vielfältigen Zumutungen zunehmend erschöpfte junge Frau durch das von Konfliktlinien durchzogene Terrain. Oftmals zerfließt dabei die Grenze zwischen Konventionen des Abschieds und sozialer Übergriffigkeit; die Verwundbarkeit der Hinterbliebenen zieht Ausbeutungsmanöver diverser Dienstleister förmlich an. Besonders unangenehm fällt unter diesen der Pfarrer auf, der eines Tages ungebeten vor der Tür steht, um die zurückgelassenen Möbel in Augenschein zu nehmen. Auch die Nachbarin, die sogleich auf die frei gewordene Wohnung spechtet, zeigt ein allzu bekanntes Muster unzeitiger und rüpelhafter Distanzlosigkeit gegenüber einem Menschen, den der Schmerz empfindlich macht; so eine lässt sich leicht überrumpeln.

Faszinierend an »Sechswochenamt« ist die Genauigkeit, mit der die unterschiedlichen Gefühlslagen eines Trauerprozesses erfasst werden. Von der Versteinerung und Fassungslosigkeit über das zornige Aufbäumen und Hadern bis hin zu Akzeptanz und sanftem Einverständnis. Dabei bleibt es an der Oberfläche meist ruhig; Filmemacherin Jansen hat Geduld, Schauspielerin Laubisch hat es nicht eilig; beide arbeiten präzise: die eine an der Darstellung einer zunehmenden seelischen Entkräftung, die andere an der Beobachtung und Aufzeichnung. So entsteht ein dichter Film, der weder vor den Abgründen Angst hat noch vor den widersprüchlichen Emotionen, die aus ihnen aufsteigen. All dies vor dem Hintergrund eines pandemiebedingt im Hochgeschwindigkeitsverfall begriffenen Gemeinwesens; womit Jansen auch eine Zerrüttung des Sozialen mit in den Blick nimmt, von der sich unsere Gesellschaft bis heute nicht erholt hat. Faszinierend ist zudem die schiere Existenz dieses Films als abseits etablierter Förderstrukturen förmlich in die Welt gezwungenes Beispiel gesellschaftlicher Stellungnahme. Denn freilich erzählt Jansen auch von der Verdrängung des Todes aus dem Sozialen und der zusätzlichen Erschwernis, die diese für Trauernde mit sich bringt.

Der Titel »Sechswochenamt« verdankt sich übrigens einer katholischen Tradition, derzufolge auf Wunsch der Hinterbliebenen sechs Wochen nach dessen Tod eine Messe für den Verstorbenen gelesen werden kann. Tatsächlich findet am Ende des Films die so mühevoll in Eigenregie organisierte Abschiedsfeier statt, und Lore darf sich endlich ausruhen. Sie schließt die Augen, und wieder vermeint man, ein tiefes Seufzen zu vernehmen. Es ist aber diesmal eines, das das Leben begrüßt.

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