Kritik zu Resurrection
Der Mensch hat Unsterblichkeit erlangt, dafür aber das Träumen aufgegeben: Das ist das dystopische Setting, in dem der chinesische Regisseur Bi Gan seine erzählerisch wie visuell überbordende Reise auf die Nachtseite des Bewusstseins ansiedelt
Viel ist bereits geschrieben worden über das Verhältnis zwischen Film und Traum, über den Kinobesuch als kollektives Träumen, das Eintauchen ins Dunkel, wo Bilder und Geschichten auf uns einströmen, rätselhaft, oft bestürzend, voller Begehren und Lust, Beklemmung und Angst. Meister wie Luis Buñuel und David Lynch haben diese Nähe des Films zum Traum zelebriert, das Medium selbst zur Traummaschine gemacht und sich in ihren Werken gezielt der Logik der Assoziation und des Unbewussten überlassen. Auch der chinesische Regisseur Bi Gan bezieht sich mit »Resurrection«, Gewinner eines Jury-Spezialpreises im vergangenen Jahr in Cannes, auf diese Tradition, geht aber zugleich seinen eigenen Weg ins Reich der Träume. Sein enorm ambitioniertes Werk ist mit zweieinhalb Stunden zugleich ausschweifende Halluzination voll unerwarteter, auch absurder Volten und detailreich komponierte Struktur: ein Delirium in sechs Kapiteln.
In der (ansonsten völlig abstrakt bleibenden, zukünftigen?) Welt, in der er seine Vision ansiedelt, haben die Menschen Unsterblichkeit erreicht, indem sie das Träumen abgeschafft haben, denn sie haben herausgefunden, dass Träume die Lebenszeit aufzehren – wie die Flamme das Wachs einer Kerze. Nur einer scheint vom Träumen nicht lassen zu können und gibt sich immer weiter seinen inneren Bildern hin. Eine Agentin findet ihn passenderweise in einer Opiumhöhle. Dort deliriert er vor sich hin, ein körperlich verunstaltetes Monster. Doch zu diesem Zeitpunkt hat uns »Resurrection« bereits in die Welt seiner Träume und auch der Filmhistorie mitgenommen: Die Opiumhöhle ist eine Kulissenwelt wie aus einem expressionistischen deutschen Stummfilm, der Träumer eine Kreatur wie eines der frühen Nachtwesen des Kinos, etwa Cesare aus dem »Cabinet des Dr. Caligari« oder Graf Orlok in »Nosferatu«, und Bi Gans Stil schwelgt in der Sprache des Stummfilms. Das ist allerdings nur der Auftakt. Als die Agentin im Körper des Träumers einen Filmprojektor findet (!), schenkt sie ihm damit eine finale, intensive innere Reise.
Dem nun folgenden Trip, einer Reise durch verschiedene Traumszenarien, Jahrzehnte, Filmgenres und -stile, in denen der Träumer sich in wechselnde Figuren verwandelt, überlässt man sich am besten, indem man sich ganz dem Fluss der opulenten, manchmal bizarren, vor allem aber immer wieder berauschend schönen Bilder hingibt und nicht jeden Winkel des respektive der Plots zu erhellen versucht. Wir finden uns zunächst in einer zerbombten nächtlichen Stadt im Zweiten Weltkrieg und einem Szenario des Film noir samt geheimnisvollem MacGuffin und Spiegelkabinett wieder – einem virtuos inszenierten »Lady from Shanghai«-Zitat. Weitere Stationen sind ein Kammerspiel in einem still verschneiten, verlassenen buddhistischen Tempel, in dem ein ehemaliger Mönch Bekanntschaft mit eigenmächtig zerfallenden Statuen und dem »Geist der Bitterkeit« macht, Jahrzehnte später eine sonnige städtische Szenerie, in der sich ein Trickbetrüger mit einem kleinen Mädchen zusammentut, um einen Gangsterboss übers Ohr zu hauen: Das Mädchen soll Spielkarten allein an ihrem Geruch erkennen. Im Gegenzug für die Hilfe des Mädchens muss der Betrüger ihre Rätselfragen beantworten, die mal absurde Scherzfragen und mal hintersinnige innerfilmische Verweise sind. »Was kann man nur allein tun, niemals zu zweit?« – »Träumen.« Die finale und filmisch spektakulärste Traumepisode entführt uns in eine Hafenstadt und die Silvesternacht 1999, in der »Apollo«, ein junger Herumtreiber, der noch nie ein Mädchen geküsst hat, die lebenslustige Thai Zhaomei kennenlernt und mit ihr in jener neonlichtdurchfluteten Ästhetik, die die Hongkong-New-Wave der Jahrtausendwende prägte, durch die Straßen streift – bis die Nacht eine ebenso düstere wie romantische Wendung nimmt.
Alle diese sechs Episoden (die vier Träume plus Prolog und Epilog) korrespondieren nicht nur mit verschiedenen Filmgenres und Jahrzehnten, sondern gezielt auch mit entscheidenden Phasen der chinesischen Geschichte der vergangenen hundert Jahre. Darüber hinaus ist jede Episode einem der sechs Sinnesorgane (der Buddhismus zählt auch den Geist dazu) zugeordnet – womit die Ambition von »Resurrection« schon in die Richtung eines »Ulysses« von James Joyce zu zielen scheint, der die Kapitel seines Romans nicht nur auf Homers »Odyssee« und den Alltag eines Dubliners im Jahr 1904 bezog, sondern auch auf verschiedene Erzähltechniken, Symbole, Farben, Künste und Körperorgane.
Filmisch exerziert Bi Gan so ziemlich alles an Stilmitteln und Tricks durch, was die Filmgeschichte hergibt, am immersivsten und beeindruckendsten ist ein halbstündiger ununterbrochener One Take mit sehr vielen Personen und mächtig Action – obwohl Bi Gan selbst den Dreh als relativ einfach beschrieb im Vergleich zum einstündigen schnittlosen Take in 3D in seinem vorangegangenen Film »Long Day's Journey Into Night«.
Vieles an »Resurrection« kann man bemängeln, sein Übermaß an Ambition lädt ja auch dazu ein. Auf Schritt und Tritt mag man narrative Sackgassen und Löcher in der Logik aufspüren, auch die Episoden funktionieren nicht alle gleich gut. Trotzdem ist es ein beeindruckendes Werk, ein hypnotischer Trip durch fremde Welten, in denen eben nicht dieselben Ansprüche an schlüssige Narration greifen wie in »vernünftigen« Plots. »Resurrection« folgt ausschließlich seiner traumnahen eigenen Logik, lässt dabei vieles offen und rätselhaft, und nicht alles davon ist auf »produktive« Weise geheimnisvoll. Seinen eigenen heiligen Ernst bricht der Film dabei mit wohltuend absurdem, gelegentlich sogar albernem Humor. Und obwohl die Einzelepisoden auch als eigenständige Erzählungen funktionieren, entsteht im Zusammenspiel eine melancholische größere Vision: Denn all diesen Szenerien, die der Träumer da aus sich selbst heraus erschafft, ist ihre Flüchtigkeit und Vergänglichkeit schon eingeschrieben, wie im Bild vom dahinschmelzenden Wachs. Wie Bi Gan das Träumen und die Filmgeschichte kurzschließt, mit überbordender Fantasie und filmischer Artistik Brücken zu anderen Filmen schlägt, hat nicht nur berauschende Wirkung, es ist in sich auch vollkommen schlüssig. Eine wundervolle Liebeserklärung an das Kino – jenen Traum, den wir gemeinsam träumen.




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