Kritik zu Sounds of Paris
In diesem Independent-Drama entwickelt sich am Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele 2024 in Paris eine unerwartete Freundschaft zwischen einer depressiven jungen Frau und einem quirligen Touristen
Am 26. Juli 2024 ist die Pariser Innenstadt von unzähligen aufgekratzten Menschen bevölkert. Sie sitzen in Cafés, am Seineufer, in den Parks, schwatzen und flirten. Die Sonne scheint, die Atmosphäre ist wie elektrisch aufgeladen. Mittendrin das gestresste Gesicht einer jungen Amerikanerin, die für eine Wohnungsvermittlung arbeitet. Sie hetzt von einer Adresse zur nächsten, um neu ankommende Kurzzeitmieter in ihre Apartments einzuweisen. An diesem Tag ist besonders viel los, denn am Abend werden die Olympischen Spiele eröffnet. Ihr Chef schwört sein Team auf den bestmöglichen Service ein. Doch Elisabeth, die für die Verlängerung ihres Visums diesen Job braucht, steht aufgrund schlechter Kundenbewertungen auf der Abschussliste. Ein neu angekommener Kunde aber, der junge Amerikaner Elijah, lässt sich von Elisabeths angespannter Miene nicht abschrecken. Fröhlich quasselnd heftet er sich an ihre Fersen und begleitet sie auf ihrem Parcours durch die belebten Straßen. Er entlockt ihr sogar ihren ganzen Namen: Elisabeth Vogler.
Der Name ist eine Hommage an die rätselhafte schweigende Heldin in Ingmar Bergmans Drama »Persona« und zudem das Pseudonym, unter dem Regisseur Laurent Slama seine beiden Vorgängerfilme »Unser Paris« und »Années 20« drehte. Man muss das nicht wissen – doch das Spiel mit dem Namen einer Filmfigur, die sich in sich selbst zurückzieht, verleiht diesem charmant vertrackten Film, in dem sich Slama wie seine depressive Heldin selbst zu befreien scheint, eine weitere schillernde Facette. Elisabeth ist nicht nur seit einer Krankheit schwerhörig. Sie klinkt sich durch das Herausnehmen ihrer Hörgeräte auch freiwillig aus ihrer Umgebung aus. Das Leben in den Straßen erscheint in diesen Momenten als diffuses Brummen einer chaotischen Welt, in der sich Elisabeth wie ein Alien bewegt. Mit diesem zwischen Stille und Alltagslärm wechselnden Sounddesign taucht man unmittelbar in ihre Wahrnehmung ab.
Ähnlich Slamas Vorgängerfilmen wirkt auch diese Paris-Tour wie locker aus der Hüfte gefilmt. Da am Tag der Olympia-Eröffnung Dreharbeiten offiziell verboten waren, filmte Slama im Guerillastil mit winzigem Team. Dokumentarische Streiflichter auf Passanten, auf Polizisten, die den Weg versperren, und fließende Kamerafahrten durch das urbane Gewusel atmen den Geist des Cinéma Vérité. Die Dialoge erinnern an Richard Linklaters »Slacker«. Nebenbei werden in diesem vibrierenden Stadtporträt die Gig-Ökonomie, in der Arbeitnehmer an Smartphones wie an einer Sklavenkette hängen, und die Wurzellosigkeit einer globalisierten Generation aufgezeigt. Atempausen bietet die Kunst: Claude Monets Seerosenbilder in der Orangerie gehen in einer hypnotischen Überblendung in märchenhafte Parkszenen über. Neben der rauschhaften visuellen und akustischen Wirkung ist der größte Trumpf dieses Films Agathe Rousselle, bekannt geworden als Serienmörderin in »Titane«. Ihre intensive Verkörperung einer Frau, deren innerer Aufruhr trotz äußerer Gefasstheit aus allen Poren quillt, zieht geradezu magnetisch den Blick an.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns