Kritik zu Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens

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Der oscarnominierte Animationsfilm zeigt die emotionale Entwicklung eines kleinen Mädchens und wie es die Welt um sich immer mehr erschließt

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»Ihr Kind ist ein Gemüse.« Das sagt der Arzt zu den Eltern, nachdem er Amélie besichtigt hat. Auf keines seiner Untersuchungsinstrumente hat das Baby reagiert, vielmehr hat es aus großen, grünen Augen herausgeschaut und sich seinen Teil gedacht. Es ist nämlich Gott, darüber informiert uns eine Kinderstimme aus dem Off gleich zu Beginn. Als Gott kann es natürlich machen, was es will, und erst mal will es gar nichts außer mit dabei sein.

Den Eltern ist das gar nicht so unrecht, haben sie doch bereits zwei temperamentvolle Kinder und mit diesen alle Hände voll zu tun. Da kommt so eine Dabeisitzerin, die kaum Ansprüche stellt, sehr gelegen. Die belgische Familie – der Vater arbeitet im diplomatischen Dienst – lebt in Japan, und dort ist es auch, dass Amélie an ihrem zweiten Geburtstag von einem ortstypischen Mini-Erdbeben wach gerüttelt wird. Danach ist es mit der Ruhe vorbei. Jedenfalls bis die Oma aus Belgien zu Besuch kommt und die dortige Geheimwaffe (Schokolade) in Anschlag bringt sowie die Haushaltshilfe Nishio-san sich des mutwilligen Kleinkindes annimmt. So wird aus dem Nabel der Welt, in dem der göttliche Funke ein Feuerwerk nach dem anderen zündet, allmählich und in Trippelschritten ein soziales Wesen, das begreift, dass Einzigartigkeit auch für andere gilt.

Der oscarnominierte Animationsfilm »Die kleine Amélie oder der Charakter des Regens« von Maïlys Vallade und Liane-Cho Han ist die Adaption des 2000 erschienenen autobiografischen Romans »Metaphysik der Röhren« der frankobelgischen Schriftstellerin Amélie Nothomb. Da seine Erzählperspektive die der kleinen Titelheldin ist, ist alles, was passiert, hochdramatisch, zutiefst emotional und von existenzieller Tragweite. Wer eben erst in die Welt findet, kennt keine Nuancen und weiß nichts vom Maßhalten. Die Gefühle wechseln abrupt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, der mähliche Übergang vom einen zum anderen ist (noch) unbekanntes Terrain. Dem entsprechen auf formaler Ebene die leuchtenden, flächig aufgetragenen Farben, deren sanfte Tönung an Pastellkreiden erinnert, und damit an Malwerkzeug, das man Kindern für ihre ersten Versuche fantasiereicher Abbildung in die Hand gibt.

Dass es sich bei der dargestellten Welt um die vergleichsweise überschaubare eines kleinen Menschen handelt, heißt nun aber genau nicht, dass sie weniger komplex wäre als die der Erwachsenen. Schließlich müssen zu Beginn des Lebens dessen Axiome begriffen werden: Verlust, Trauer, Tod, die Macht von Zuneigung und Sehnsucht, Gemeinsamkeit und Unterschied, der Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die fundamentale Bedeutung von Erinnerungen. All diese seine Weisheit(en) vermittelt »Die kleine Amélie…« auf einfache und klare Art, ohne zu simplifizieren. Die Kunst des Animationsfilms erweist sich als ideales Gefäß für ein Bewusstsein, das noch über die Transformationskräfte des Spielerischen verfügt, also über die Fähigkeit, der Naturgesetze zu spotten und Wunder zu stiften. Was Kinder halt so treiben.

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