DVD-Tipp: Poliziottesco revisited

»A Man Called Magnum« (1977). © Explosive Media

»A Man Called Magnum« (1977). © Explosive Media

Bahnhofskino oder Seismograph der Gesellschaft? Der italienische Polizeifilm wurde allzu lange als Schund eingestuft. Zwei Anbieter würdigen ein unterschätztes Genre

Während sich »Giallo«-Filme nicht nur beim Publikum, sondern auch bei der Kritik großer Popularität erfreuen, haftet italienischen Polizeifilmen hierzulande immer noch der Ruf des Bahnhofskinos an, auch wenn sie auf spezialisierten Websites schon lange kritisch gewürdigt werden. Mit »CineItalia« hat der Anbieter Explosive Media jetzt eine neue Reihe gestartet, bisher veröffentlicht wurden der Polizeifilm »A Man Called Magnum«, der Mafiafilm »Der Professor«, der Polizeifilm »Racket – Bei Anruf Mord« und der Giallo »Der Mann ohne Gedächtnis«. Leider sind die letzten drei Exemplare nicht rechtzeitig beim Rezensenten eingetroffen. Aber auch das (auf Giallo spezialisierte) Label Film.Art legt zwei Klassiker in Neuausgaben vor.

Der »Poliziottesco« erlebte seine Blüteperiode in den siebziger Jahren, beginnend mit »La polizia ringrazia« (1972), Kassen- und Kritikererfolg gleichermaßen. Mit ihm betritt der einzelgängerische Polizist die Szene, der die Methoden des Gegners bedient und sich damit außerhalb der Legalität begibt – inspiriert von Clint Eastwoods »Dirty Harry« (1971). Wie der trägt Kommissar Mauri, in »Napoli si ribella« gerade von Mailand nach Neapel versetzt, zwar eine Magnum (deutscher und internationaler Titel: »A Man Called Magnum«), wahrt aber die Legalität und liefert sich freundschaftliche Kabbeleien mit seinem Kollegen Capece. Von Anfang an wechselt die Perspektive immer wieder hin zu einer begüterten Familie – Terenzi ist ein Mafiaboss, dem eine verschwundene Heroinlieferung Sorgen bereitet. Wird er herausfinden, wer ein doppeltes Spiel spielt? Oder gelingt es Mauri zuvor, einen von dessen Leuten zum Reden zu bringen? Mögliche Verräter haben nicht mehr lange zu leben.

Zwei Bestandteile der »Poliziotteschi« fehlen nicht, der Banküberfall und die Verfolgungsjagd, an deren Ende der Wagen der Gangster ins Schleudern gerät und umkippt. Die Kleinwagen, die dabei zum Einsatz kommen, haben aus heutiger Sicht schon etwas Rührendes – was die Leistung des Stuntteams von Rémy Julienne nicht schmälert. Schaltet man zur deutschen Synchronfassung die deutschen Untertitel zu, merkt man, dass viele Härten des Originals abgemildert sind. Misstrauen gegenüber den eigenen Leuten erweist sich auch in den beiden Film.Art-Veröffentlichungen als berechtigt, beide beginnen mit Zigarettenschmuggel in Neapel, die Polizei kommt kaum vor. In »Harley Riders – Sie kannten kein Erbarmen« arbeitet Aldo (Joe Dallesandro, Star aus Warhols Factory) für den Mafiaboss Don Enrico. Sein Versuch, mehr für sich selbst abzuzweigen, fliegt auf; knapp mit dem Leben davongekommen, muss Aldo in Rom neu anfangen. Er arbeitet sich hoch (Originaltitel: »L’ambizioso«, englisch: »The Climber«) und kehrt mit einer Gang zurück nach Neapel, um Rache zu nehmen. Im Rolls-Royce kutschiert er durch enge Altstadtgassen und verteilt Geldmünzen an die nebenherlaufenden Kinder.

Luca in »Das Syndikat des Grauens« (»Luca il contrabbandiere«) hat keine Ambitionen wie Aldo. Nachdem die Fabrik in Turin dichtmachte, zieht er nach Neapel. Über 200.000 Menschen leben hier vom Zigarettenschmuggel, die Razzia in einem Armenviertel, die zeigt, wie viele daran beteiligt sind, steht in der Tradition des Neorealismus, bis hin zu einem Mann, der sich an seinen Teller mit Spaghetti klammert, als die Polizei ihn fortzerrt. Bei der feindlichen Übernahme, die der »Marseiller«, der Zigaretten- durch Kokainschmuggel ersetzen will, betreibt, geht dieser mit äußerster Brutalität vor, was Lucio Fulci so drastisch ins Bild setzt wie in seinen Horrorfilmen – er steht damit nicht alleine. Der Anbieter hat diesen lange Zeit indizierten Film jetzt neu prüfen lassen, freibekommen und die Veröffentlichung mit informativem Bonusmaterial ausgestattet.

Die »bleiernen Jahre« waren in Italien gezeichnet durch Terror von links (Entführung Aldo Moros 1978) und rechts (Bombenattentate in Mailand 1969 und in Bologna 1980). Das spiegelt sich in diesem Genre wider, in dreckigen, gewalttätigen Filmen, »geschnitten mit dem Maschinengewehr« (Felsch/Stiglegger) – Bahnhofskino und Seismograph zugleich.


A Man Called Magnum I 1977. R: Michele Massimo Tarantini. 
Der Mann ohne Gedächtnis I 1970. R: Alberto De Martino. 
Racket – Bei Anruf Mord I 1970. R: Enzo G. Castellari. 
Der Professor I 1986. R: Giuseppe Tornatore.

Bestellmöglichkeit (Explosive Media)

 


Harley Riders – Sie kannten kein Erbarmen I 1975. R: Pasquale Squitieri.
Das Syndikat des Grauens I 1980. R: Lucio Fulci.

Bestellmöglichkeit (FilmArt)

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