Kritik zu Wir glauben Euch

© Eksystent Filmverleih

Er sagt, sie sagt, doch was sagen ihre Kinder? Das auf Festivals bereits mit Preisen überhäufte belgische Gerichtsdrama zeigt eindringlich auf, wie die Justiz bei der Wahrung des Kindeswohls an ihre Grenzen gerät.

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Dass Recht und Gerechtigkeit zwei verschiedene Dinge sind, ist eine Binse. Wie kompliziert es ist, vor Gericht die Wahrheit zu finden, und wie gesetzliche Fallstricke es schier unmöglich machen, den Opfern Schutz zu gewähren, wird in diesem konzentrierten Kammerspiel so spannend vorgeführt, dass man nicht wegsehen kann. Dabei ist das Szenario extrem puristisch. Im Zentrum steht eine 55-minütige Anhörung in einem gläsern-kühlen Raum eines Verwaltungsgebäudes. Es scheint anfangs lediglich um einen jener Allerweltsfälle um das Sorgerecht zu gehen, in denen geschiedene Eltern ihre private Fehde fortsetzen. Ein Vater ficht das alleinige Sorgerecht der Mutter für die beiden gemeinsamen Kinder an, die er seit zwei Jahren nicht sehen durfte. Vor der Familienrichterin sitzen fünf Menschen, die nacheinander sprechen dürfen: die Eltern, ihre jeweiligen Anwältinnen und ein Pflichtanwalt für die Kinder, der diese zuvor befragt hat und seine Einschätzung beisteuert.

Eingerahmt wird diese Kernszene durch die Ankunft der Mutter mit ihren Kindern in dem Gebäude und das, was kurz nach der Anhörung geschieht. Durch einen geschickten Drehbuchtrick sind auch die zuvor gemachten Aussagen der Kinder bei dem Familienanwalt zu hören. So formt sich ein vielstimmiger Chor aus Behauptungen und Narrativen, die sich – »Er sagt, sie sagt, es sagt« – à la Rashomon widersprechen. Zudem wird von den Anwältinnen der Sachverhalt in einer für den jeweiligen Mandanten vorteilhaften Weise bis hin zur obszönen Verleumdung des Gegners interpretiert.

Ein Großteil der Intensität dieser an den Stil des Cinéma vérité erinnernden Szene entsteht dadurch, dass sie in Echtzeit und in einem Durchlauf gedreht wurde; auch die Anwälte sind echt. Der Druck, ihre zuvor präzise geschriebenen Monologe fehlerfrei abzuliefern, spiegelt sich im Druck von Mutter Alice, meisterhaft gespielt von Myriem Akheddiou, die nur diese eine Chance hat, glaubwürdig zu wirken. Doch Alice ist nervös und aufgebracht. In ihrer Verzweiflung über die Pein ihrer Kinder, die mit ihrem Vater keinen Kontakt wollen, kann sie sich kaum beherrschen. Wüssten wir als Zuschauer nicht, was sich vor der Verhandlung abgespielt hat, würden wir diese hysterisch wirkende Frau, die Missbrauchsvorwürfe äußert und ein spezielles medizinisches Problem ihres Sohnes beschreibt, vielleicht für eine manipulative Lügnerin halten.

So aber wird das abstrakte und gezwungen emotionslose Sprechen konterkariert von der Realität außerhalb des Raumes. Wir haben bereits gesehen, wie der kleine Etienne sich schreiend auf den Boden wirft, weil er, trotz des Versprechens der Mutter, seinen Vater nicht sehen zu müssen, diesen erkennt. Wie grimmig die Teenagertochter reagiert. Der Filmtitel »Wir glauben Euch« verrät die Pointe dieses Gerichtsdramas. Denn tatsächlich scheinen die Erwachsenen den ausdrücklichen Wunsch der Kinder, keinen Kontakt zum Vater haben zu wollen, zu ignorieren. Unabhängig von der Wahrheitsfindung wird gnadenlos aufgezeigt, wie das Wohl der Kinder vom Räderwerk der Justiz zermalmt zu werden droht.

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