Nachruf: Mario Adorf
Mario Adorf in »Es hätte schlimmer kommen können« (2019). © NFP
8.9.1930 – 8.4.2026
Die Rolle, die ihn bekannt machte, war ein Bösewicht: der Massenmörder Bruno in Robert Siodmaks »Nachts, wenn der Teufel kam« (1957), einer der besten Filme des westdeutschen Nachkriegsfilms. Das erschreckende Porträt eines ebenso naiven wie mörderisch-gefährlichen jungen Mannes in der Zeit des Nationalsozialismus geriet zur ersten großen künstlerischen Leistung Mario Adorfs. Man hat sie immer wieder mit der von Peter Lorre in Fritz Langs »M – Eine Stadt sucht einen Mörder« (1931) verglichen, und Adorf verströmt auf der Leinwand gekonnt eine latente Gewaltbereitschaft. Heute wissen wir, dass Bruno Lüdke als geistig Behinderter unschuldig und selbst ein Opfer der Nazis war. Und Mario Adorf hat sich 2021 zu seiner Verantwortung bekannt und mitgeholfen, einen Stolperstein zu verlegen.
Der Mörder Bruno war Adorfs elfte Filmrolle innerhalb von nur drei Jahren. Seinen ersten Kinoauftritt hatte er in der Militärklamotte »08/15« im Jahr 1954. Nach seiner Entdeckung wurden ihm Schlag auf Schlag interessante Rollen angeboten. 1958 war Adorf der freche Bänkelsänger in Rolf Thieles Wirtschaftswundersatire »Das Mädchen Rosemarie«, 1959 der intelligente »Kopf« einer Berliner Jugendbande in Gerd Oswalds »Am Tag, als der Regen kam«. In Georg Tresslers Traven-Verfilmung »Das Totenschiff« (1959), Adorfs zweites Meisterwerk im Adenauer-Kino, gab er den Matrosen Lawski mit einer für das damalige deutsche Kino unbekannten, ungeheuer starken physischen Präsenz.
Er gehörte zu den Schauspielern, die in den 50er Jahren den Mief dieser Zeit aus dem deutschen Kino jagten. Und er gehörte zu den wenigen, die auch international Fuß fassen konnten. In Hollywood spielte er schon 1964 in Sam Peckinpahs Western »Sierra Charriba« – wenn auch seine Rolle durch die Kürzungen des Studios damals arg dezimiert wurde.
Seine Beliebtheit hat sich Mario Adorf gerade auch mit seinen Bösewichten erworben, etwa dem Schurken Santer im ersten »Winnetou«-Film (1963). Dass er die Schwester des edlen Apachen erschießt, hat ihm viele Beschimpfungen eingebracht, wie er häufiger erzählt hat. Als Bösewicht hat er den internationalen Karl-May-Produktionen seinen Stempel aufgedrückt, und er wirkte auch in Filmen mit, die unter seinem Niveau lagen, in Mafia-Thrillern und Komödien, meist in seiner damaligen Wahlheimat Italien. Viele Rollen hat er auch ausgeschlagen, bei Billy Wilder oder Francis Ford Coppola etwa.
In der Bundesrepublik entdeckte ihn der junge deutsche Film erst allmählich. Dieser Sprung gelang überhaupt nur wenigen Darstellern, die in den 50er Jahren begonnen hatten. Adorf spielte bei Volker Schlöndorff in »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« (1975) und »Die Blechtrommel« (1979) und bei Fassbinder in »Lola« (1981). Sogar dem Regie-Rigorismus von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub setzte er sich in deren Kafka-Adaption »Klassenverhältnisse« (1984) aus.
Aber alle diese Auftritte waren im Grunde Gastrollen, wirklich präsent wurde er in Deutschland erst wieder in den 90er Jahren in großen Fernsehserien. Damit begann eine glänzende Alterskarriere, vor allem in den von Dieter Wedel inszenierten Mehrteilern »Der große Bellheim« (1993) und »Der Schattenmann« (1996). Brillant auch sein Auftritt als Wirt in dem Kinofilm »Rossini« (1997) von Helmut Dietl. Und immer in Erinnerung bleiben wird sein rücksichtsloser Fabrikant in Dietls Fernsehserie »Kir Royal« (1986). »Isch scheiß dich sowat von zu mit meinem Geld«, heißt es im legendären Monolog des Provinzindustriellen. Durch diese Auftritte wurde er das, was er wegen seiner Qualität und Kamerapräsenz eigentlich schon immer war: ein Star.
Auch im neueren deutschen Kino hat Adorf, der seine Auftritte immer ohne Allüren meisterte, seine Spuren hinterlassen: in kleinen, aber prägnanten Auftritten in den Jugendfilmen »Die rote Zora« (2008) und »Same Same but Different« (2009) etwa, oder als KZ-Überlebender in »Der letzte Mentsch« (2013). Er kenne sich aus im deutschen Kino und sei offen für die Jungen, betonte er.
Adorf hat in exakt 221 Kino-, Fernseh- und Serienproduktionen mitgewirkt, das Deutsche Filmmuseum rechnete das einmal genau nach. Eine Zahl, die dem vielleicht beliebtesten deutschen Schauspieler so schnell keiner nachmachen wird.





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