Kritik zu Es hätte schlimmer kommen können – Mario Adorf

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2019
Original-Titel: 
Es hätte schlimmer kommen können – Mario Adorf
Filmstart in Deutschland: 
07.11.2019
V: 
L: 
99 Min
FSK: 
12

Schalk im Nacken: Dominik Wessely bereist für seine Dokumentation zusammen mit Mario Adorf Orte und Filme seines Lebens

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Alte Männer bewegen sich in der Regel anders, doch bei Mario Adorf ist davon nichts zu spüren. Obwohl er im nächsten Jahr schon neunzig wird, wirkt sein Gang elastisch, wirken seine Bewegungen lebendig, seine Haltung aufrecht, und wenn er zu erzählen beginnt, über sein bewegtes Leben als Schauspieler, nicht nur im deutschen, sondern auch im internationalen Kino, dann tänzelt ein Lächeln über seine Züge, funkelt der Schalk in seinen Augen. Er ist ein charmanter Herr mit vollem, weißem Haar und dichten, schwarzen Brauen und zugleich ein verschmitzter Junge und in beiden Versionen ein mitreißender Erzähler, quasi ein Selbstläufer für den Dokumentaristen Dominik Wessely, der ihn in weitem Bogen mit der Kamera an die Orte seines Lebens begleitet. In die Heimat in der Eifel, an die ersten Wirkungsstätten in München, wo in der Otto-Falckenberg-Schule noch sein Bewerbungsschreiben bewahrt wird und es ihn aus der Theorie schnell in die Praxis zu den Proben in den Kammerspielen zog, nach Rom, wo der Deutsche mit italienischen Wurzeln seine internationale Karriere begann und dreißig Jahre lang lebte, nach St. Tropez, wo er im Schatten von Brigitte Bardot seine zweite Frau Monique traf und nach Casablanca zum Drehen. Schon ganz früh, auf der Bühne der Münchner Kammerspiele, bekam Adorf als junger Schauspieler vom großen Fritz Kortner den entscheidenden Rat: nicht auftreten, sondern einfach reinkommen!

Mit Senta Berger bringt Wessely ihn zusammen, die beiden schwelgen in Erinnerungen und Anekdoten über ihre gemeinsamen Erlebnisse im Hollywood der 60er Jahre, und auch Margarethe von Trotta kommt zu Wort. Man spürt, Adorf ist ein Mann der Tat, mal polternd und leise, mal grimmig und jovial, mal verschmitzt und melancholisch: Mario Adorf hat viele Gesichter und Gestalten, im Sträflingsanzug und in der Priesterkutte, als kerniger Bauarbeiter und als distinguierter Baulöwe, als schwitzender Mexikaner im ausladenden Sombrero und als schmieriger Mafioso mit der Waffe im Anschlag, als Komiker und Kommissar, Haudegen und Berserker, Mitläufer und Opportunist.

Er spielte sie alle mit einer wuchtigen Körperlichkeit, die im deutschen Kino etwas Besonderes ist. Nur flüchtig streift der Film eine seiner schönsten Rollen in Roland Klicks »Deadlock«, doch bei 220 Credits einer Filmografie, die noch immer im Werden ist, muss man Akzente setzen und Schneisen schlagen. »Nachts wenn der Teufel kam« von Robert Siodmak, wo er als psychopathischer Frauenmörder böse schillerte, »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« und »Die Blechtrommel« von Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff, »Lola« von Rainer Werner Fassbinder und Helmut Dietls geniale Fernsehserie »Kir Royal« fungieren als Meilensteine. Doch was den Film noch mehr prägt als die berühmten Stationen, ist das sprühende Charisma von Mario Adorf, das neben vielen Fernseh-und Kinofilmen auch diese Dokumentation zum Funkeln bringt.

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