Kritik zu Sirens Call
Zwischen Roadmovie und Dokumentation folgt der Film einer Sirene durch das Amerika der Gegenwart und wird zur poetischen Suche nach Zugehörigkeit und Identität.
Una versteht sich als mythologische Sirene. In Las Vegas streift sie durch Neonlichter, Diners, Spielautomaten, und man weiß nicht recht: Ist Una vielleicht doch eine echte Sirene? Welches Geschlecht hat dieses Wesen, das sich mit ernster Konzentration bunte Perücken aufsetzt und vor dem Spiegel Audioratgeber für erfolgreiches soziales Miteinander hört: »Repeat after me: My name is…«? Wie Scarlett Johansson als Alien in »Under the Skin« scheint hier jemand erst lernen zu müssen, wie man Mensch spielt.
Erzählt ist das nicht stringent. Es geht um Atmosphäre. Die Bilder fließen in Tableaus dahin, ohne klare Höhepunkte, wellenförmig fast, wie das Wasser, das Una magnetisch anzieht. Auf ihrer Suche nach ihresgleichen bestellt sie Algensalat, fährt durch Autowaschanlagen, liegt lange in der Badewanne und besucht Aquarienshows mit Berufs-Meerjungfrauen, die mit diskreten Sauerstoffschläuchen unter Wasser verharren. Gedreht auf 16mm, mit sichtbarem Korn und satten Farben, entfaltet sich eine eigenartige Bildpoesie. Das Amerika dieses Films spiegelt sich in seiner eigenen Bildgeschichte: Die Settings wirken als sähe man »Paris, Texas« zum ersten Mal oder befände sich an den Lynch’schen Oberflächen des schönen Scheins. Die farbgesättigten Lichtquellen erinnern an okkulte Visionen eines Kenneth Anger oder die halluzinatorischen Portraitstudien Romy Schneiders im unvollendeten »L’Enfer« von Clouzot.
Una begegnet Moth, einem nichtbinären Teenager, der Tarot-Karten legt und von einem »silly little witch-shop« träumt. Die beiden Außenseiter erkennen einander und ziehen fortan gemeinsam durchs Land. »This world is my nightmare«, sagt Moth einmal, und plötzlich erscheint die Suche nach einer anderen Existenzform weniger exzentrisch als überlebensnotwendig.
Nach etwa der Hälfte des Films verändert sich dessen Strategie. Die poetische Fiktion weicht dokumentarischen Interviews mit Personen, die sich selbst als »Merfolk« verstehen. Die Darstellerin der Una tritt nun als sie selbst auf, als Teil dieser Community. Die Regisseur*innen entwickelten den Film aus einer langjährigen Recherche zu dieser Subkultur und begleiteten Mitglieder der Szene bei der Entwicklung ihrer »Mersonas«. Man sieht Menschen in aufwendigen Kostümen, die einander Halt geben und im Spiel mit Flossen und Mythen eine Möglichkeit finden, sich einer normativen Ordnung des Sozialen zu entziehen. »Sirens Call« wird so zu einer unaufgeregten Studie einer funktionierenden queeren Gemeinschaft, in der Identität durch Spiel, durch Austausch von Erfahrungen und Fürsorge praktiziert wird, die weder pathetisch noch heroisch wirkt.
Die Poesie tritt dabei zugunsten politischer Eindeutigkeit etwas zurück. Wo zuvor Ambivalenz schimmerte, artikuliert sich nun die Kritik an einer als feindlich faulend wahrgenommenen Umwelt. Die Utopie, die dieser entgegengesetzt wird, bleibt an eine Gemeinschaft Gleichgesinnter gebunden. Das mag eine Vereinfachung sein, aber auch eine konsequente Reaktion. Wenn die Welt zum Albtraum wird, erscheint es nur logisch, sich Flossen wachsen zu lassen und abzutauchen. Vielleicht ist die Sirene hier weniger Figur als Ausdruck eines Bedürfnisses, anders zu leben, anders zu atmen. Die Bilder jedenfalls sind zart aber nicht harmlos. Man folgt ihnen, bereitwillig, ein Stück zu weit hinaus.





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