Kritik zu Kokuhô – Meister des Kabuki

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Über 50 Jahre umspannendes Drama um Aufstieg und Fall zweier hochambitionierter Kabuki-Darsteller.

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Zurückhaltung ist die Sache des Kabuki nicht: Das bürgerliche japanische Theater lebt seit dem 17. Jahrhundert von flamboyanten Kostümen, expressiven Gesten, raffinierter Bühnentechnik, Bewegung, Gesang und Melodram. »Kokuhō« (ein Ehrentitel, wörtlich »Nationalschatz«) erzählt von den 1960ern an die fiktive Geschichte zweier ambitionierter Kabuki-Schauspieler über fünfzig Jahre hinweg. Als der Junge Kikuo mit vierzehn seine ersten Rollen spielt, wird sein Vater bei einem Attentat getötet. Kikuo kommt in einer Kabuki-Schule unter und erlernt das Handwerk beim dortigen Meister Hanai Hanjiro II (Ken Watanabe) gemeinsam mit dessen Sohn Shunsuke.

Frauen wurde das Kabuki-Spiel lange Zeit verboten, obwohl es auf die Schreinjungfer Okuni zurückgeht. Die Männer, die traditionellerweise die oft lieblich-idealisierten Frauenrollen spielen, werden Onnagata genannt. In dieser Kunst wetteifern Kikuo und Shunsuke. In jahrelangem Training meistern sie die komplexen Tänze, Gesten und den gepresst-nasalen Gesang, den sie gedehnt in die Höhe oder Tiefe treiben. Ihre Auftritte in den prächtigen Theaterhallen sind unbestreitbar die Höhepunkte des Films: Dann verzaubern sie als tragisch Verliebte, als in Frauen verwandelte Kraniche oder Schreinjungfern, wie zwei Spiegelbilder rauschen sie über die Bühne. Die jeweiligen Stücke werden für uns in knappen Einblendungen eingeleitet.

Der nackte Körper kann in »Kokuhō« viel verraten, was man lieber geheim halten wollte: das Geschlecht unter dem Kimono, ein Yakuza-Tattoo oder ein amputiertes Bein. Auf der Bühne jedoch, durch Schminke und Kostüm verwandelt, gilt ganz allein die schöne Oberfläche. So können wir auch auf einige filmische Mängel blicken, etwa die konventionell geratene Erzählweise, die oft weit in den Hintergrund gerückten Nebenfiguren und manche thematische Kargheit: Wahrhaftig geht es nur in den glorreichen Momenten des Auftritts zu.

Schauspielernamen sind im Kabuki erblich, deshalb besteht ein gewisses Ungleichgewicht zwischen dem Findling Kikuo (Ryō Yoshizawa) und dem leiblichen Erben Shunsuke (Ryūsei Yokohama). Der ernste Meister treibt beide brutal zu Höchstleistungen an, damit zumindest einer seine Meisterschaft erreicht. Freundschaft und Rivalität sind eine hochreaktive, instabile Verbindung, und so muss es kommen, dass die Busenfreunde entzweit werden – und womöglich ihre Seelen für den Erfolg verkaufen.

»Kokuhō« fügt sich allen Konventionen des oscarreifen Erzählkinos. Aufstieg und Fall, Freundschaft und Verrat, Schuld und Sühne sehen genau so aus, wie Hollywood es uns beigebracht hat. Die Academy hat das honoriert: Das Kabuki-Drama kam in die Vorauswahl für den Auslands-Oscar und wurde als erster japanischer Film für das beste Make-up und die besten Frisuren nominiert. Für Regisseur Sang-Il Lee ist »Kokuhō« die dritte Verfilmung eines Romans von Shūichi Yoshida. Der Film erzielte in Japan schwindelerregende Kinoerfolge und wurde zum meistgesehenen einheimischen Film, der kein Anime ist. Und seit der Film dort im Sommer 2025 anlief, verzeichnen auch die etwas aus der Mode gekommenen Kabuki-Theater wieder regen Zulauf.

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