Kritik zu The Unforgiven

© Warner Bros.

2013
Original-Titel: 
Yurusarezaru mono
Filmstart in Deutschland: 
04.12.2014
L: 
135 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Wehe, wenn er losgelassen: In Sang-il Lees opulentem Remake von Clint Eastwoods Rachewestern kämpft sich Ken Watanabe als ehemaliger Samurai durchs Japan des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Dass Hollywood die Preziosen des Weltkinos neu verfilmt, gehört seit Jahrzehnten zu den Usancen der Traumfabrik. Dass, umgekehrt, das Weltkino Hollywoodfilme adaptiert, kommt viel seltener vor; es verbietet sich für gewöhnlich schon aus ökonomischen Gründen. Eine Ausnahme von dieser Regel ist Sang-il Lees Neuauflage von Clint Eastwoods finsterem Westernabgesang Unforgiven (Erbarmungslos) aus dem Jahr 1992. Die Logik dahinter: Wenn Hollywood Akira Kurosawas Samurai-Epen in Western verwandeln kann, warum sollte das japanische Kino dann nicht ein Samurai-Epos aus einem Western machen?

Der Stoff eignet sich dafür ganz vorzüglich. Lee lässt die Geschichte fast exakt zur selben Zeit spielen wie Eastwood – während der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts –, und trotz aller Unterschiede ist dies auch im Japan der Meiji-Restauration eine Periode des Übergangs und der Neuordnung, eine Phase, in der die Gesellschaft ihre alten Helden in den Ruhestand schickt. Wie Eastwoods William Munny ist auch Jubei (Ken Watanabe) ein Auslaufmodell, ein ehemaliger Samurai, der der Gewalt abgeschworen hat und nun nichts anderes im Sinn hat, als seine beiden Kinder auf einer kleinen Farm großzuziehen. Und wie Eastwood folgt er nur widerwillig dem Lockruf des Geldes: Er will die Belohnung kassieren, die einige Prostituierte aus dem Städtchen Washiro auf die Köpfe zweier Nichtsnutze ausgesetzt haben. Die Kerle haben eine von ihnen massakriert und wurden dafür von Polizeichef Ichizo ­Oishi (Koichi Sato) nur milde bestraft. Die Story bleibt danach ebenfalls sehr nah am Original, Lee baut allerdings einen Aspekt der japanischen Geschichte ein, wenn er Jubei und seinem alten Weggefährten Kingo (Akira Emoto) den hitzköpfigen Goro (Yuya Yagira) zur Seite stellt. Goro gehört zum Volk der Ainu, deren Kultur damals, ähnlich wie die der nordamerikanischen Indianer, weitgehend zerstört wurde. Lee zeigt in einigen Szenen, wie rigoros die Truppen des Tennos damals mit dieser Minderheit umsprangen. Auch dabei geht es, wie im ganzen Film, um Gewalt und ihre grotesken Konsequenzen; radikaler noch als Eastwood erzählt Lee von einer Spirale der Gewalt, die ebenso sinnlos wie unvermeidbar erscheint.

Jubei ist von Anfang an ein tragischer Held, der fast nur von hinten oder im Anschnitt zu sehen ist – als ob er sich unseren Blicken entziehen wollte. Er ist nicht nur innerhalb der Geschichte ein Unnahbarer, sondern auch in der Interaktion mit dem Publikum. Schon früh scheint er zu wissen, dass im Lauf dieser Mission sein wahres, lange unterdrücktes Ich zum Vorschein kommen wird. Und dass dabei nichts Gutes entstehen kann.

Lee inszeniert in großen, opulenten Widescreen-Bildern, deren malerische Präzision an Sergio Leone erinnert. Sein Film beeindruckt durch spektakuläre Landschaften, minutiöses Production Design und ein durchweg überzeugendes Ensemble. Er würde sich glatt für ein Remake anbieten – wenn Hollywood solche Filme heutzutage noch produzieren würde.

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