Interview: Julia Ducournau über »Alpha«

Julia Ducournau (Mitte) am Set von »Alpha« (2025). © Mandarin et Compagnie / Kallouche Cinéma / Frakas Productions / France 3 Cinéma

Julia Ducournau (Mitte) am Set von »Alpha« (2025). © Mandarin et Compagnie / Kallouche Cinéma / Frakas Productions / France 3 Cinéma

Julia Ducournau, 1983 in Paris geboren, ist eine französische Regisseurin und Drehbuchautorin. 2016 gab sie mit »Raw« ihr Spielfilmdebüt, 2021 gewann sie mit »Titane« die Goldene Palme von Cannes. Ihr Stil zeichnet sich durch eine eigentümliche Mischung aus Body-Horror und Arthouse-Drama aus

Ein Bild aus »Alpha« bleibt besonders hängen: Körper, die zu Marmor werden. Woher kam die Idee zu dieser Krankheitsmetapher?

Julia Ducournau: Mir war wichtig, dass wir sofort Empathie für die Kranken empfinden und sie niemals als etwas Fremdes oder Monströses wahrnehmen. Deshalb wollte ich keine reale Krankheit darstellen, sondern eine eigene Bildsprache entwickeln. Das Motiv des Marmors kam aus mehreren Richtungen. Zum einen wollte ich die Menschen, die wir in großen Krisen verloren haben – etwa während der Aids- oder während der Covid-Pandemie –, auf eine Art sakrale Ebene heben. Nicht religiös im engeren Sinn, sondern als Geste der Würde. Meine visuellen Referenzen waren die liegenden Marmorstatuen von Heiligen in Kathedralen. Die Idee war: Menschen, die von der Gesellschaft ausgestoßen oder beschämt wurden, weil sie krank sind, werden hier gewissermaßen edler als der Rest von uns. Gleichzeitig spiegeln diese Körper eine Gesellschaft wider, die vor Angst erstarrt ist. Sie werden buchstäblich zu Stein – so wie die Gesellschaft moralisch versteinert.

Das erinnert mehr an die Aidskrise als an Covid, vor allem wegen der Schuldzuweisungen gegenüber den Infizierten, die in den 1980er und 1990er Jahren kursierten.

Vieles im Film bezieht sich direkt auf diese Zeit. Ich war damals ein Kind, und ich erinnere mich sehr genau daran, wie Menschen beschämt wurden – wegen ihres Lebensstils, ihrer Sexualität. Plötzlich tauchte sogar hier in Frankreich wieder eine pseudoreligiöse Rhetorik auf: die Idee, dass Krankheit eine Strafe sei. Meine Eltern erzählten von den Siebzigern als einer Zeit der sexuellen Befreiung, von Gleichberechtigung. Und nur zwanzig Jahre später war Sex plötzlich mit Tod verbunden, mit Gefahr und Misstrauen. Das Tragische ist, dass es nie wirklich eine gesellschaftliche Aufarbeitung gegeben hat. Niemand hat offiziell gesagt: Die Art, wie diese Menschen behandelt wurden, war falsch. Das Stigma existiert in Teilen bis heute, obwohl medizinisch ein normales Leben mit HIV möglich ist.

Sie haben einmal gesagt, Ihre Filme reagierten immer auch auf ihre Zeit. Inwiefern ist »Alpha« ein Film über unsere Gegenwart?

Ursprünglich arbeitete ich nach »Titane« an einem ganz anderen Projekt. Nach acht Monaten habe ich es verworfen. Ich hatte das Gefühl, mich zu wiederholen – und gleichzeitig hatte sich die Welt verändert. Wir leben in einem Zustand permanenter Erschütterung. Jeden Tag neue Katastrophen, neue Kriege, neue Krisen. Um weiterleben zu können, verdrängen wir vieles davon. Aber wenn Angst und Trauer dauerhaft unterdrückt werden, geben wir sie an die nächste Generation weiter. Ich bin deshalb in meinen Film zurückgegangen zu dem Moment in meinem Leben, in dem ich das erste Mal das Gefühl hatte, in einer Welt aufzuwachsen, in der überall Menschen sterben und jeder ersetzbar ist. Dieses Gefühl von Isolation erkenne ich heute wieder.

Ihre Filme werden oft dem »Body-Horror« zugerechnet. Wie sehen Sie das selbst?

Ich mag diesen Begriff nicht besonders. David Cronenberg hat kürzlich vorgeschlagen, stattdessen von »Body Conflict« zu sprechen, das finde ich viel interessanter. Was viele als Horror bezeichnen, ist für mich eher Schönheit. Der Körper ist ein Ort der Wahrheit. Er lügt nicht. Wir versuchen ständig, ihn zu kontrollieren oder zu verstecken – mit Kleidung, Make-up, Stil. Aber gerade seine Verletzlichkeit ist etwas, das uns miteinander verbindet. Der Unterschied bei Alpha liegt weniger in der Bildsprache als in der Distanz. In klassischen Horrorfilmen weiß man, dass das Monster nicht real ist. Hier wird das Publikum mit einer Angst konfrontiert, die uns alle betrifft – der Angst vor Krankheit, vor Verlust, vor dem Tod. Deshalb begegnen wir den Kranken im Film zuerst durch Gesten der Fürsorge. Das Gegenteil von Abstoßung sollte entstehen: Empathie.

Ist es diese Empathie, die auch der Film auslösen soll?

Wenn ich mir etwas wünsche, dann dass sich manche Menschen gesehen fühlen. Das Kino hat mir als Kind genau dieses Gefühl gegeben: zu merken, dass ich mit meinen Ängsten oder Traumata nicht allein bin. Wenn ein Film das schafft, hat er für mich seinen Zweck erfüllt. Und ehrlich gesagt habe ich auch großes Vertrauen in die jüngeren Generationen. Auf dunkle Phasen folgt immer eine Gegenbewegung.

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