Interview: Julia Ducournau über »Titane«

Julia Ducournau. Foto: Philippe Quaisse / Pasco

Julia Ducournau. Foto: Philippe Quaisse / Pasco

Frau Ducournau, womit nimmt ein Film wie »Titane« eigentlich seinen Anfang??

In diesem Fall liegt der Ursprung in einem Traum, den ich jahrelang immer wieder hatte. Darin war ich schwanger und brachte Teile eines Automotors auf die Welt. Ich fand dieses Bild gleichermaßen unheimlich und spannend. Aber es gab auch einen thematischen Ansatz: Ich wolllte mich ganz bewusst der Herausforderung stellen, endlich einen Film zu drehen, der von der Liebe handelt.

Fiel Ihnen das schwer?

Oh ja, ich finde nichts schwieriger als von der Liebe zu erzählen. Nicht weil sie mir fremd wäre oder so. Sondern weil es mir kaum gelingt, für die Bedingungslosigkeit der Gefühle tatsächlich Worte zu finden. Aber weil ich als Filmemacherin ohnehin jemand bin, die vor allem auf die Bilder vertraut, habe ich einfach so wenig Dialoge wie möglich geschrieben – und versucht, aus jeder Szene visuell das meiste herauszuholen.

In diesen Bildern ist Ihre Liebe zum Genrekino nicht zu übersehen. Wie ist die entstanden?

Ich finde es immer sehr schwer zu erklären, warum man etwas toll oder inspirierend findet. Schließlich basiert das auf instinktiven Empfindungen. Aber angefangen hat es mit Edgar Allen Poe, dessen Literatur mich als Jugendliche begeistert hat. Oder vielleicht doch noch früher. Denn eigentlich sind Genre-Filme für mich heute das, was früher Cartoons im Fernsehen waren. Dieses sehr befreiende Gefühl, dass jederzeit wirklich alles passieren kann: Wenn der Road Runner und Wile E. Coyote spektakulär von einer Klippe stürzen und dann platt wie ein Blatt Papier am Boden liegen, dann ist das aufregend, aber nicht traumatisierend. Genau den gleichen Effekt hat auf mich ein Horrorfilm, selbst wenn er mich gruselt. Ganz abgesehen davon, dass sich im Genrekino durch diese gewisse Distanz zur Realität oft Dinge erkunden lassen, die in unserer Gesellschaft sonst eigentlich tabu sind. 

Dafür, dass Sie »Titane« als Film über die Liebe beschreiben, ist Ihre Heldin Alexia erstaunlich wenig liebenswert . . .

Keine Frage, sie ist eine Psychopathin und handelt moralisch abstoßend. Aber umso wirkungsvoller ist es, wenn es mir gelingt, trotzdem zu vermitteln, was sie fühlt. Alexias Schmerz oder eben auch ihre Liebe spürbar zu machen, war die Aufgabe, die ich meistern wollte. Denn ich wusste, dass damit eine Verbindung zwischen der Figur und dem Publikum entstehen würde, die nie so stark gewesen wäre, wenn ich eine konventionellere Protagonistin hätte.

Hatten Sie sich dabei vorgenommen, auch Genderfluidität zum Thema zu machen?

Tatsächlich nicht bewusst, auch weil der Film diesbezüglich keine Botschaft hat. Dass das Thema trotzdem sehr präsent ist in »Titane«, liegt einfach daran, dass diese Fluidität fester Bestandteil meiner Weltsicht ist. Ich hatte noch nie viel übrig für Schubladendenken, und das gilt definitiv auch für Genderfragen. Deswegen zucke ich auch immer zusammen, wenn ich als »female director« oder ähnliches beschrieben werde. Ich mache Filme, weil ich ich bin, nicht weil ich eine Frau bin.

Aber das, was Ihre Arbeit von anderen Filmen abhebt, ist nicht zuletzt Ihr weiblicher Blick . . .

Gut, da haben Sie recht. Und diesen Blick setze ich in »Titane« ja auch tatsächlich gezielt ein. Nicht nur, um am Beispiel von Alexia zu zeigen, dass Weiblichkeit nichts Einseitiges oder Statisches ist. Sondern auch in dem ich ihn ganz gezielt mit dem »male gaze« konterkariere. In der Plansequenz zu Beginn des Films fährt die Kamera durch diese Autoshow, und es ist ganz klar, dass die Objektifizierung des männlichen Blicks keinen Unterschied macht zwischen den leicht bekleideten Frauen und den Fahrzeugen. Doch dann kommen wir zu Alexia, die sich in ihrer Choreographie den Blick auf ihren Körper genauso zurückerobert wie das Begehren. Damit verschiebt sich ganze Perspektive – und der Film beginnt.

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