Berlinale: Panorama-Publikumspreise
Im vergangenen Jahr wählte das Publikum »Die Möllner Briefe« zum Gewinner in der Sektion Panorama Dokumente. Es geht um die rassistischen Anschläge von 1992 und den systematisch-nachlässigen Umgang mit dem Geschehen. In diesem Jahr nun erhielt »Staatsschutz« von Faraz Shariat den Publikumspreis in der Kategorie Spielfilm. Es ist eine sehr reale Fiktion über die Verharmlosung rechter Gewalt in unserem Justizsystem. Es ist ein Thema, das im Kino und auch beim Publikum längst angekommen ist.
Man fühlt sich an die Justiz der frühen Bundesrepublik erinnert, an »Der Staat gegen Fritz Bauer«, als Großteile jeglicher Macht noch in den Händen der Kriegsgeneration lagen. Wenn da rassistische Gewalttaten verharmlost, vertuscht und mal mehr oder weniger subtil gedeckt werden. Doch »Staatsschutz« spielt in der Gegenwart: Die junge, koreanisch-deutsche Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) ist nach Ostdeutschland gekommen und will dort rechter Gewalt entgegentreten – mit Hilfe des Gesetzes. Doch schnell stellt sie fest, dass es die Justiz damit gar nicht so genau nimmt. Schon gar nicht, als sie selbst Opfer eines rassistischen Anschlags wird. Als sie bemerkt, dass auch in ihrem Fall keiner so recht Interesse daran hat, die Täter zu fassen, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln, unterstützt von der erfahrenen Anwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch). Als Staatsanwältin und als Opfer nimmt sie es mit einem ganzen System auf, das Rechtsradikalismus verharmlost.
Ambivalente Figur zwischen Racheengel und Superheldin
Regisseur Faraz Shariat, der 2020 mit »Futur Drei« sein Debüt auf der Berlinale feierte, und Drehbuchautorin Claudia Schaefer (»Ellbogen«, 2024) machen es sich in ihrem Geschichtsdrama und Rachethriller nicht leicht. Seyo ist eine ambivalente Figur. Einerseits will sie Karriere machen, als eine, die es geschafft hat, gleichzeitig will sie Gerechtigkeit – erst für die Opfer, irgendwann für sich selbst. Dabei macht die von Chen Emilie Yan fantastisch gespielte Seyo eine erstaunliche Wandlung von der langhaarigen, adrett gekleideten Staatsanwältin zu einem wütenden Racheengel und ein bisschen auch zur Superheldin, die sich die Haare abschneidet, eine Waffe besorgt und sich mit einem Dodge einen jener aufgepimpten amerikanischen Pick-ups kauft.
Dabei räumt Shariat mit dem Mythos der Objektivität und Neutralität des deutschen Justizsystems auf. Die sei ohnehin nur möglich, wenn man mehrere Perspektiven zulasse, wie er in einem Interview am Rande der Berlinale erzählt. Er selbst habe in den vergangenen Jahren ein Gefühl der Ohnmacht empfunden, aber auch der Wut und der Frustration darüber, wie unausweichlich dieser gesamtgesellschaftliche Rechtsruck in Deutschland, in Europa und weltweit immer stärker werde. Für ihn ist da Wut ein guter Ausgangspunkt, um über die Zukunft nachzudenken. Weil Wut zu Handlungen führen könne, die Hoffnung machen – so wie die Wut dieser ungewöhnlichen, kraftvollen und mutigen Seyo Kim. Der offizielle Kinostart von »Staatsschutz« ist für den Herbst geplant.
Dokumentation über Frauen im Ukraine-Krieg
Den Panorama Dokumente Publikumspreis erhielt in diesem Jahr »Traces« von Alisa Kovalenko. Der Film nimmt ukrainische Frauen in den Blick, die während des russischen Angriffskrieges sexuelle Gewalt und Folter erlebt haben und sich weigern, darüber zu schweigen. Es ist ein Film über die Kraft von Solidarität und Zusammenhalt und wie Schmerz sich in eine solche Kraft verwandeln kann. Kovalenko folgt Iryna Dovham, einer russischen Geisel, die zur Aktivistin wird, und vielen anderen Frauen, die sie trifft. Es ist das Porträt eines kollektiven Traumas und einer ebenso kollektiven Selbstermächtigung.
Die Publikumspreise der beliebten und bedeutenden Nebensektion zeigen einmal mehr, wie Filme unsere Gegenwart abbilden können, nicht mit dem Zeigefinger, sondern vielschichtig, künstlerisch anspruchsvoll und unbedingt notwendig. Und sie zeigen, wie sehr das Publikum diese Filme sehen will und zu schätzen weiß.



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