Seinerzeit viel gefeiert
Als geborene Weiß hätte sie womöglich auch Karriere gemacht, eventuell sogar unter ihrem Vornamen Käthe. Genug Talent besaß sie schließlich. Aber Ellen Richter klang dann doch weltläufiger. In den 1920er Jahren, als die Schauspielerin und Produzentin ihre größten Erfolge feierte, herrschte in der deutschen Filmpresse eine brennende Neugier auf die wahre Identität, die sich hinter Künstlernamen verbarg.
Es waren meist jüdische Namen, die bereits damals assimiliert oder verschleiert werden mussten. Die Listen waren lang; sie kursierten keineswegs nur in antisemitischen Publikationen, aber eben auch dort. Welch großes Thema dies war, ist eines der zahlreichen Erkenntnisse, die ich dem Buch „Ellen Richter – Die große Unbekannte des Weimarer Kinos“ verdanke, das bei Synema erschienen ist. „Der Judenhass ruht nicht“, heißt es im Band. 1923 veranstaltet ein Mob ein Pogrom im Berliner Scheunenviertel, und einige Jahre später werden auch Geschäfte und ihre Eigentümer am mondänen Kurfürstendamm angegriffen, wo die in Wien geborene Richter und ihr Mann in einer luxuriösen Elf-Zimmer-Wohnung residierten.
Die Verfasser, der Filmrestaurator Oliver Hanley und der Filmhistoriker Philip Stiasny, stellen ihr Buch am Sonntagmittag (22.2.) im Berliner Zeughauskino vor. Dazu läuft „Moral“ von 1928, der Richter in einer ihrer prägnantesten Rollen als Varietétänzerin Ninon de Hauteville präsentiert und am Klavier von Ekkehard Wölk begleitet wird. Regie führt Dr. Willi Wolf, ihr Ehemann, Geschäftspartner und Stammregisseur, der gemeinsam mit den versierten Drehbuchautoren Robert Liebmann und Bobby E. Lüthge das gleichnamige Bühnenstück von Ludwig Thoma adaptierte. Die Verfilmung ist kein uriger Schwank, sondern eine deftige Sittenkomödie, die die Souveränität demonstriert, mit der sich ihre Figuren männlicher Zudringlichkeiten zu erwehren. Bei ihrem Plan, die heuchlerischen Sittenwächter in einer bayerischen Residenzstadt zu entlarven, spielt eine Filmkamera eine listige Rolle. Ihr nächster Film trägt den Titel „Unmoral“, was demonstriert, mit welcher Selbstironie die Schauspielerin über ihr Image verfügte. Keine Sorge, ein Franchise wurde nicht daraus, aber als Produzentin dachte sie durchaus in Serie.
Über die Reihe „Ellen Richter – Weimar Cinema's Action Queen“, mit der sie das Berliner Arsenal vor einigen Jahren vorstellte, habe ich am 14. 10, 2022 im Eintrag „Eine furchtlose Mutmaßung“ geschrieben. Damals kannte ich keinen einzigen ihrer Filme (Sie müssen entscheiden, wie ahnungslos oder -voll ich damals formulierte); seither habe ich im Arsenal unter anderem „Der Flug um den Erdball“, einen ihrer aufwändigen Abenteuer- und Reisefilme, entdeckt und konnte meine Schaulust vertiefen, als ich einen Text über die Retrospektive schrieb, die das Filmarchiv Austria der Leinwandheroine zu Beginn dieses Monats ausrichtete. Die Sichtung vollzog sich wie im Rausch, ich geriet in den Bann von Richters unerschrockenen Charisma. Ihre fesche Erscheinung – willensstarkes Kinn und sportlich-kräftige Gestalt (ein Filmtitel schrieb ihr die schönsten Beine von Berlin zu), munteres Lächeln und mal funkelnde, mal undurchschaubare Augen – disponierten sie für Abenteuer in unterschiedlichsten Genres. Sie war in Melodramen ebenso trefflich wie in Komödien, Historien- und Gerichtsfilmen sowie galanten Detektivgeschichten. Sie eroberte ihren Charakteren sittliche und geographische Freiräume. Im Rollenfach der abenteuerlichen Weltreisenden hatte sie seinerzeit keine weibliche Konkurrenz. Sie brachte das Publikum zum Staunen und entführte es auf mehrere Kontinente. Der Dreiteiler „Die Abenteurerin von Monte Carlo“ entstand 1921 an sage und schreibe 19 europäischen Drehorten. „Sozusagen verfilmter Baedeker“ schrieb ein zeitgenössischer Kritiker über ihre filmischen Eskapaden, was Stiasny mit „beschleunigter Jules Verne“ überbietet. Richter und Wolff trugen Sorge dafür, dass die Schauwerte abwechslungsreich waren: In „Die Dame mit dem Tigerfell“ zeigen sie den Karneval in Nizza und vier Jahre später im Tonfilm „Die Abenteurerin von Tunis“ den dortigen Blumenkorso, nach dem sie dann Sandstürme und Angriffe von Kabylen übersteht. Von den 70 Filmen, die sie gedreht hat, ist nur knapp ein Viertel erhalten, die in den letzten Jahren gleichsam pan-europäisch und sorgfältig restauriert wurden, unter anderem von Eye in Amsterdam, dem Bundesfilmarchiv und dem DFF in Frankfurt.
Die Beschäftigung der beiden Autoren mit ihr reicht erheblich weiter als 2022 zurück. Im Zeughaus veranstalteten sie bereits einen Workshop im Zeughauskino und wurden mit einer kleinen Retro zwei Jahre später zu den Stummfilmtagen in Pordenone eingeladen. Ihr Buch ist eine veritable Forschungsarbeit, denn Richter zählt zu den großen Vergessenen der deutschen Filmgeschichte. Sie verbuchte enorme Kassenerfolge, bis der Machtergreifung der Nationalsozialisten ihre Laufbahn (sowie die ihres Mannes und zahlreicher jüdischer Teammitglieder) brüsk beendete. Namhafte (und keineswegs nur hochnäsige) Kritiker begleiteten aufmerksam ihr Schaffen. Ihre Filme waren nicht nur sensationell und kostspielig produziert, Wolff und sie verpflichteten auch hochkarätige Mitarbeiter, darunter der Szenarist Liebmann sowie die Szenenbildner Hans Dreier und Ernst Stern. Die Filmgeschichtsschreibung nahm jedoch später kaum noch Notiz von ihnen. Ich vermute, der enorme Unterhaltungswert von Richters Filmen war ihnen verdächtig.
Hanley und Stiasny entreißen sie mit ungeheurer Akribie dem Vergessen. Ihre Archivrecherchen sind tiefschürfend, das Quellenstudium intensiv und ausgreifend. Fabelhaft illustriert ist der Band überdies. Die Zwei fungieren nebenbei auch als Herausgeber, montieren Vignetten weiterer Autoren ein (etwa über den Regisseur Richard Eichberg oder die Bedeutung der Mode und Frisuren). Die Handlung einiger überlieferter Filme wird ebenso ausführlich nacherzählt wie in historische, soziale und politische Kontexte gestellt. Richters Reisefilm lösten mitunter diplomatische Krisen aus; der Prozess gegen den armenischen Attentäter Soghomon Tehlirian hat mich zwar bereits mehrfach beschäftigt (https://www.epd-film.de/search/node/talat%20pascha), aber im Kapitel über „Die Frau mit den Millionen“ (1923) bekam ich viel Neues heraus. Richters exotische Abenteuer werden zudem aus heutiger, post-kolonialistischer Perspektive eingeordnet. Ein Lebenswerk kommt zum Vorschein, das nach 1933 gestohlen wurde.
Ich hätte gern mehr darüber erfahren, wie Richters Ausstrahlung ins Ausland war, ob sich ihre Filme erfolgreich exportiert ließen. Nun, vielleicht nur ein Seitenthema. Die Chronik ihres Nachlebens ist oft verblüffend. Nach dem Berufsverbot, das über sie und Wolff 1933 verhängt wurde, ging es nämlich noch weiter. Ihre Namen musste unsichtbar werden und die gemeinsame Firma umbenannt werden, produzierte aber noch. Auch ein Teil ihrer Tonfilme lief weiterhin in Deutschland. Ein spannungsvolles Kapitel Exilgeschichte schließt sich an und ein nicht weniger fesselndes über Richters Bemühungen, nach dem Krieg für das entschädigt zu werden, was ihr und Wolff an Hab und Gut, an Tantiemen und Auswertungsrechten geraubt wurde. Den Abschluss des Buches bildet ein Essay übers Rauchen in ihren Filmen. Er ist vergnügt, lässt aber nicht vergessen, was verloren ging.



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