Kritik zu Gelbe Briefe
Der fünfte Film von İlker Çatak lief im Wettbewerb der diesjährigen Berliner Filmfestspiele. Der Berliner Regisseur erzählt darin von einem Land und einem Ehepaar in der Krise.
Eigentlich war das Drehbuch zu Gelbe Briefe schon so gut wie fertig, als İlker Çatak 2023 auf der Berlinale seinen damals neuen Film »Das Lehrerzimmer« vorstellte. Dass der fünfte Spielfilm des Berliner Regisseurs nun trotzdem drei Jahre auf sich warten ließ, lag natürlich am ebenso großen wie überraschenden, auch internationalen Erfolg des Vorgängers, der ihn – Oscarnominierung inklusive – mehr als 12 Monate auf Trab hielt. Und während Çatak in jener Zeit unter anderem das Angebot ausschlug, »The Housemaid – Wenn sie wüsste« mit Sydney Sweeney zu inszenieren, sind die Erwartungen an »Gelbe Briefe« nun entsprechend hoch.
Im Zentrum der Geschichte stehen Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer): Sie ist gefeierte Schauspielerin am Staatstheater in Ankara, er schreibt dort nicht nur vielbeachtete Stücke, sondern unterrichtet obendrein an der Universität. Das Ehepaar ist fester Bestandteil der kulturellen Bildungsbürgertums-Elite, selbstverständlich links und regierungskritisch, und hat es sich doch samt Teenager-Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) in seiner schicken Altbauwohnung ein wenig zu bequem eingerichtet, während das Land zusehends von Terroranschlägen, Polizeiaufgeboten und immer heftigeren Protesten umgetrieben wird.
Irgendwann macht sich das verschärfte politische Klima auch in ihrem Alltag ganz handfest bemerkbar. Erst wird Aziz, gemeinsam mit etlichen Kolleg*innen, an der Hochschule ohne Angaben von Gründen beurlaubt, dann wird sein neues Stück, in dem Derya die Hauptrolle spielt, von einem Tag auf den nächsten abgesetzt und sie wenig später gefeuert. Als auch noch der Vermieter Besuch von der Polizei bekommt und sich abzeichnet, dass die finanzielle Situation sich so bald nicht verbessern wird, zieht die Familie zu Aziz’ Mutter (Ipek Bilgin) in Istanbul. Doch Geldsorgen, Platznot und Zukunftsängste gehen nicht spurlos an der Ehe vorbei, auch weil immer offensichtlicher wird, dass Derya und Aziz zwischen ideologischen Überzeugungen und handfestem Pragmatismus oft unterschiedliche Vorstellungen von einem Ausweg aus ihrer gegenwärtigen Lage haben.
Ohne konkrete Namen und Ereignisse zu nennen oder die innenpolitische Lage näher zu umreißen, erzählt Çatak mit Gelbe Briefe viel über die heutige Türkei – und lässt doch keinen Zweifel daran, dass seine Geschichte eine universelle ist, die über kurz oder lang Kunstschaffende und Intellektuelle überall auf der Welt erwarten könnte. Dass Berlin hier als Kulisse für Ankara dient und Hamburg Istanbul »spielt«, ist entsprechend nicht nur ein reizvoller Verfremdungseffekt, sondern hilft auch beim Erzeugen eines Gefühls von Universalität.
Sehenswerte Bilder von Kamerafrau Judith Kaufmann und glaubwürdige Dialoge sind zwei Pfunde, mit denen »Gelbe Briefe« wuchern kann, noch entscheidender ist die Inszenierung. Çatak beweist einmal mehr, wie gut er sich darauf versteht, anspruchsvolles Autorenkino publikumswirksam zu gestalten; sein Film ist gleichzeitig eine nuancierte Auseinandersetzung mit drängenden, oft komplexen gesellschaftlichen Debatten und Problemen wie ein emotional packendes Familiendrama, ohne dabei je aus dem Gleichgewicht zu geraten.
Gegen Ende halst sich der Film dann vielleicht doch den einen oder anderen Konflikt zu viel auf: Gerade ein Handlungsstrang rund um Tochter Ezgi erweist sich als eher überflüssig und hat zur Folge, dass Gelbe Briefe sich am Schluss länger anfühlt, als er mit seinen rund zwei Stunden eigentlich ist. Solche kleineren Schwächen werden aber nicht zuletzt wettgemacht von einem überzeugenden Ensemble, zu dem neben vielen türkischen Schauspieler*innen zum Beispiel auch Jale Arikan – ihres Zeichens feste Größe in der deutschen TV-Landschaft – gehört und in dem Hauptdarstellerin Özgü Namal in Sachen Ausstrahlung und ausdrucksstarkes Spiel noch einmal eine Klasse für sich ist.



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