Mubi: »Blossoms Shanghai«

»Blossoms Shanghai« (Serie, 2023). © MUBI

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Die erste TV-Serie von Wong Kar-Wai erzählt in 30 Folgen vom Aufstieg eines jungen Mannes im Shanghai der 1990er und ist jetzt auch in Deutschland auf Mubi zu sehen

Man spürt es schnell, schon bevor die vertrauten Klänge des Soundtracks von »2046« anklingen und sich die schwelgerische Melancholie ausbreitet, in die schon Filme wie »Days of Being Wild« oder »In the Mood for Love« getaucht waren: Die insgesamt 30 Folgen der ersten Fernsehserie von Wong Kar-Wai, sein erstes großes Projekt seit »The Grandmaster« im Jahr 2013, sind von der DNA seines Filmschaffens durchdrungen: Im Zentrum steht ein enigmatischer Loner – in einer Welt, die mit verträumten Zeitlupenaufnahmen in flirrende Bilder gefasst ist, mit eiligen Schritten auf regennassem Asphalt, durch die Luft wirbelnden Geldscheinen, dem Dampf der Garküchen, malerisch explodierendem Feuerwerk, dem Schein der Neonlichter und dem Klackern alter Aufzüge. Und immer wieder tickt die Zeit...

Nach zehn Jahren Entstehungszeit und drei Jahren Dreh – Wong Kar-Wai hat alle 30 Folgen selbst inszeniert – wurde die Serie zunächst ab Dezember 2023 in China ausgestrahlt, knapp zwei Jahre später in Amerika auf dem Criterion Channel gesendet und jetzt endlich von Mubi auch nach Deutschland geholt. Lose basierend auf dem Roman »Blossoms« von Jin Yucheng, folgt die Serie dem Aufstieg des einfachen Arbeiters Ah Bao zum Star der berühmten Restaurant-Straße Huanghe Road in Shanghai, in der beim Essen die großen Deals verhandelt werden.

War Wong Kar-Wais Filmtrilogie »Days of Being Wild«, »In the Mood for Love« und »2046« eine Liebeserklärung ans Hongkong der Sechzigerjahre, ist die Serie eine Hommage ans Shanghai der frühen Neunziger, in einer Zeit des Aufbruchs und der Öffnung unter Deng Xiaoping: »Für mich sind Hongkong und Shanghai Zwillingsstädte, sie spiegeln einander«, sagt der Regisseur, der 1958 in Shanghai geboren wurde, 1963 mit seinen Eltern nach Hongkong zog und erst rund zehn Jahre später wieder zurückkehrte: »Früher habe ich Hongkong gefilmt, um Shanghai einzufangen, und jetzt habe ich beim Drehen in Shanghai Spuren von Hongkong gesehen.« Mehr noch als seine Spielfilme ist die Serie Porträt eines Ortes in der Zeit, statt einer intimen Liebesgeschichte entfaltet Wong Kar-Wai hier ein Gewebe aus geschäftlichen und amourösen Beziehungen. Dabei docken die Roaring Nineties in Shanghai visuell und atmosphärisch an die Roaring Twenties in Amerika an, mit vielen Art-déco-Motiven in einem jazzigen Erzählstil.

In gewisser Weise ist der elegante, gerissene und bald schwerreiche Mr. Bao eine chinesische Version des »Großen Gatsby«. Hu Ge spielt ihn mit der kühlen Distanz von Alain Delon und der geheimnisvollen Aura von Tony Leung als schwarz gekleideten Gegenpart des weißen Gatsby in einer Serie, die Elemente aus »Boardwalk Empire« und »Peaky Blinders« ins Shanghai der Neunziger überführt. Mit dem alten Onkel Ye (You Benchang), der immer einen weisen Spruch auf den Lippen hat (»Du kannst die Sonne von heute nicht fürs Trocknen der Wäsche von morgen nutzen«), als Mentor lernt Ah Bao die Tricks der neu eröffneten Börse. Zusammen mit einem Fabrikmanager aus der Provinz launcht er eine chinesische Marke, Hemden aus unbrennbarem »flame kissed cotton«.

Mit raffiniertem Kalkül und undurchschaubarem Auftreten sticht er die zappelig angeberische Konkurrenz aus, und ist verstrickt mit drei sehr unterschiedlichen, starken, schönen Frauen, deren Geschichten von Geben und Nehmen sich in einem Gewebe aus Rückblenden sukzessive erschließen: Ling Zi (Ma Yili) hat Bao vor vielen Jahren bei einem Business-Trip in Japan kennengelernt. Sie führt das kleine Restaurant »Tokio Nights«, in dem sich der innere Kreis um Bao bei bodenständigen Speisen in freundschaftlichem Ambiente trifft. Die quirlige Miss Wang unterstützt Bao im Außenhandelsbüro. Und als Neuzugang in der Huanghe Road (die für den Film so aufwendig im Studio gebaut wurde wie die neue Berliner Straße für »Babylon Berlin«) etabliert sich die geheimnisvolle LiLi (Xin Zhilei) mit der exquisiten Neueröffnung des »Grand Lisbon« als wichtiger Player.

Die Handlung mit ihren vielen Nebenschauplätzen und der enormen Personalfülle mag bisweilen ausfransen, doch unter der Regie des Kinopoeten Wong Kar-Wai ist sie wie immer zweitrangig, hinter den sinnlichen Texturen und der verführerischen Choreografie von Kamerabewegungen und Schnittfolgen.

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