Kritik zu Sie glauben an Engel, Herr Drowak?
Surreale Tragikomödie voller Poesie über die Einsamkeit und die Magie der Literatur – mit Luna Wedler und Karl Markovics.
Es hat etwas Düsteres, Bedrohliches, wie diese junge Frau durch eine Stadtlandschaft mit brutalistischen Gebäuden und Plattenbauten radelt, über ihr eine Schwebebahn rattert, dazu beschwingte Musik. Wie sie in einem dieser Gebäude vergeblich an einem Miniaturaufzug ansteht, um dann durch ein völlig vollgerümpeltes Treppenhaus die Stufen zu einem Bewerbungsgespräch in einem klaustrophobisch kleinen Büro zu kommen. Vorher sah man einen älteren Mann, wie er aus seiner mit Flaschen vollgestellten Wohnung Pissbomben auf mehrere Männer »vom Amt« wirft. Eine Szenerie wie in einem Wes-Anderson-Film – nur in Schwarz-Weiß. Mit seinem Spielfilmdebüt hat der Schweizer Dokumentarfilmer Nicolas Steiner eine surrealistisch-märchenhafte Welt geschaffen, die sofort verzaubert.
Die junge Frau auf dem Fahrrad ist Lena (Luna Wedler), Studentin der Germanistik und des Puppenspiels, die beim »Amt« als Schreibtrainerin für eine Art Wiedereingliederung anheuert. Der Titel der Maßnahme: »Gewaltfrei und tolerant durch Kreativität«. Der einzige Teilnehmer des Schreibkurses: eben jener wütende Mann, Herr Drowak (Karl Markovics), ein alter, einsamer Misanthrop voller Hass und Melancholie, ein Alkoholiker, der sich mit seinen Flaschen in seiner Wohnung verschanzt hat. Sie bieten ihm eine wohl angeordnete Festung. Mit Schimpftiraden begrüßt er Lena. Doch die lässt sich nicht beirren. Sie kommt wieder, animiert trotz weiterer Beleidigungen den alten Mann zum Schreiben und stellt fest, welches Talent in ihm steckt.
Ohne jeden Kitsch und trotz der Erwartbarkeit entwickelt sich zwischen Lena und Herrn Drowak eine zarte Freundschaft. Lena weckt in dem einsamen Mann die Erinnerungen an seine große Liebe Ana (Saga Agnes Susann Sarola), für die er einst täglich ein Gedicht schrieb, mit der er ein Kind hat, die ihn jedoch schon vor der Geburt wegen seines Alkoholkonsums und seiner Wut darüber, dass sie die Gedichte an einen Verlag geschickt hatte – der sie veröffentlichen will –, verlassen hat. Diese Erinnerungen taucht Regisseur Steiner in satte Farben, legt einen leichten Schleier über sie. Inszeniert zunächst ein verliebtes junges Paar, deren Beziehung in einer für Drowak verheerenden Katastrophe endet. Mal ist es nur die Figur der Ana, die in Farbe in seinem sonst monochromen Leben auftaucht und mit der Gegenwart verschwimmt, manchmal sind es ganze Szenen. Und Lena, die junge »Glücksverströmerin«, begeht den gleichen Fehler: Sie zeigt dem Leiter des Amtes für Ruhe und Ordnung (gewohnt irre: Lars Eidinger) Drowaks Werke. Der Amtsleiter ist verzaubert und fordert mehr. Als Drowak davon erfährt, bricht für ihn erneut die Welt zusammen.
Nicolas Steiner stattet seine Tragikomödie opulent aus – nicht nur was die Kulisse angeht. Vielmehr verleiht er nahezu jeder Szene eine zweite Ebene voller filmischer und literarischer Reminiszenzen. Lena schafft nicht nur Püppchen für ihr Spiel, sondern auch überlebensgroße Versionen wie mumifizierte Leichen, die an ihrem Küchentisch sitzen. Auch sie ist einsam. Auf der Schreibmaschine ihres Urgroßvaters, die sie Herrn Drowak leiht, schrieb Gabriel García Márquez angeblich »Hundert Jahre Einsamkeit«, das Meisterwerk des magischen Realismus. Drowaks Nachbar und einziger Freund Edgar äußert immer wieder sein Bedauern, dass er nicht auch an dem Kurs teilnimmt, für Schauspiel statt für literarisches Schreiben. Gespielt wird er von Dominique Pinon, der für seine Rolle in der Groteske »Delicatessen« bekannt ist. Völlerei führt in Edgars Leben ebenfalls zu einer grotesken Handlung.
Zeitlich und räumlich lässt sich all das nicht verorten, was »Sie glauben an Engel, Herr Drowak?« eine Universalität verleiht, die niemals irritiert, sondern vielmehr einen sanften Sog erzeugt. Nicolas Steiner ist damit ein poetischer, melancholischer und wunderschöner Film über die Einsamkeit, Dämonen der Vergangenheit, die Kraft der Poesie und das menschliche Miteinander voller eigenwilliger Charaktere gelungen – mit einer überwältigenden und zugleich zurückhaltenden Bilderflut.



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