Kritik zu Little Trouble Girls

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Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: In diesem berückenden Coming-of-Age-Drama, dem ­slowenischen Beitrag für die Oscarverleihung 2026, durchleidet ein unerfahrener Teenager in einem katholischen Mädchenchor sein sexuelles Erwachen.

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Unter den Sängerinnen ihres katholischen Mädchenchors ist Lucija sicherlich die frommste und bravste. Die Introvertiertheit der tagträumenden 16-Jährigen scheint ihre Umgebung zu provozieren. Der ehrgeizige Chorleiter rüffelt sie wegen ihrer Unkonzentriertheit. Und die etwas ältere, forsche Ana-Marija hat Lucijas verstohlene Blicke auf ihren knallroten Mund gespürt. Sie spricht Lucija an und legt ihr Lippenstift auf. Worauf das stille Mädchen prompt den nächsten Rüffel, diesmal von ihrer religiösen Mutter, kassiert.

Mit wenigen sprechenden Augenblicken steckt Regisseurin Urška Djukić selbstbewusst die Koordinaten ihres berückenden Coming-of-Age-Dramas fest. Im Spannungsfeld zwischen sittenstrengem Katholizismus und unbewusstem erotischen Begehren ziehen einen Lucijas Gefühlsstürme in ihren Bann. Bald wechselt der Schauplatz vom ländlichen Slowenien in ein norditalienisches Nonnenkloster, wo der Chor ein Probenwochenende verbringen soll. Doch im Innenhof der Anlage ist eine Baustelle. Schnell werden Gardinen aufgehängt, um Blicke der Arbeiter auf die Mädchen zu unterbinden. Doch weil dies ein Film aus weiblichem Blickwinkel und über den weiblichen Blick ist, sind Männer die Lustobjekte. Und als Lucija geistesabwesend die schwitzenden Arbeiter mit ihren schwellenden Muskeln beäugt, erlaubt sich ihre gewitzte Freundin einen Spaß.

Bei Filmen über die emotionale Labilität pubertierender Mädchen droht oft die Gefahr, dass das Thema als Vorwand für brutale oder schwül-voyeuristische Bilder à la »Bilitis« dient. Nicht so hier, wo äußerliche Gewalt, sieht man von Kussübungen ab, vermieden wird. Umso schmerzhafter macht sich der innere Aufruhr der Heldin bemerkbar. Im Kreise einer gickelnden, anzüglich herumwitzelnden Mädchenclique fühlt sich die unerfahrene Lucija wie Klein-Doofi. So lässt sie sich zwischen Neugier und Scham, und auch, um der Leitwölfin Ana-Marija zu gefallen, auf Spiele mit Flaschendrehen und Mutproben ein. Ana-Marija, halb Freundin, halb verführerische Eva, lockt das Unschuldslamm Lucija aus der Reserve. Sukzessive erlebt das Mädchen ein sexuelles Erwachen, das es nicht benennen kann und mit dem es nicht umzugehen weiß. Djukić erschafft mit einer nicht nur für einen Debütfilm bemerkenswerten Intelligenz und Sensibilität einen Resonanzraum voll metaphorisch aufgeladener Schwingungen. Manche Symbolik, etwa ein an eine Vulva erinnerndes Kirchengemälde oder aufblühende Rosen, ist unnötig platt. Doch wenn die aufgekratzten Mädchen, im Wald versteckt, im Fluss badende Arbeiter begutachten, gemahnt die bukolische Szenerie an Faune und Nymphen. Schauspieldebütantin Jara Sofija Ostan verleiht Lucija mit staksiger Anmut den Charakter eines scheuen Rehs – und einen Hauch von heidnisch-christlichem Jungfrauenopfer. Die surreale Atmosphäre erinnert oft an den Mystery-Klassiker »Picknick am Valentinstag«.

Bemerkenswert ist, wie direkte Kritik an religiöser Lustfeindlichkeit vermieden wird. Stattdessen kommt eine Nonne zu Wort, die, gefragt, ob ihr das Zölibat schwerfalle, pragmatisch auf die Transzendenz des Begehrens und kreative Sublimierung verweist – und die Unabhängigkeit der Nonnen inmitten einer Männerwelt betont. Seine verstörende Intensität entfaltet das Drama vor allem durch sein Sounddesign. Der Titel verweist zwar auf den Song »Little Trouble Girl« von Sonic Youth. Die Handlung aber ist durchzogen von himmelhoch jauchzendem Chorgesang und zugleich von gehauchten und gestöhnten Atemübungen, die sexuelle Erregung zu imitieren scheinen. »Öffnet euch!« lautet das Mantra des rüden Chorleiters, der die aufgeheizten Emotionen seiner jungen Schülerinnen als Bedrohung empfindet im Keim ersticken will. Ist die Unterdrückung sexueller Gefühle die Wurzel religiöser Musik? Oder ist Sexualität eine misslungene, unreife Version von Musik? In gewisser Weise ist dieses Drama vorrangig ein Chorfilm, könnte aber gerade die Fans dieses Genres verstören.

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