Josh Safdie: No time to lose
Josh Safdie mit Timothée Chalamet am Set von »Marty Supreme« (2025). © Atsushi Nishijima
Das Kino von Josh Safdie ist eine Beobachtungsmaschine, immer in Bewegung, immer unter Druck. Deshalb ist der schwer preisverdächtige »Marty Supreme« auch viel mehr als ein Film über einen Tischtennisspieler
»Hast du Timo Bolls Cameo bemerkt?«, platzt Josh Safdie heraus, noch bevor die erste Frage zu seinem neuen Film »Marty Supreme« gestellt werden kann. Safdie lehnt sich nach vorn, als er bemerkt, dass der Gastauftritt seines Helden nicht erkannt wurde. Und erklärt, mit einer Mischung aus Bewunderung und Ernsthaftigkeit, warum der 1981 geborene Timo Boll aus Höchst im Odenwald für ihn zu den größten Tischtennisspielern aller Zeiten gehört. Ein Maßstab. Safdie erzählt das nicht wie eine Anekdote, die man aufwärmt, um das Eis zu brechen. Er erzählt es wie eine Selbstverständlichkeit. »Ich bin Fan von ihm. Er ist einer der Besten. Ich habe sogar seinen Schläger.« Deshalb habe er ihn unbedingt mit einem kleinen Cameo in seinem Film gewollt, der von dem mittellosen Schuhverkäufer Marty Mauser handelt, der im New York der fünfziger Jahre davon besessen ist, Weltmeister im Tischtennis zu werden.
In diesem Moment wird klar, worum es dem 1984 geborenen Filmemacher wirklich geht und warum ausgerechnet Tischtennis für ihn kein kurioses Sujet, sondern eine Metapher ist. Es geht um Hingabe. Um Exzellenz. Um Menschen, die ihre Zeit einer Sache unterwerfen, so kompromisslos, dass sie irgendwann mit ihr zusammenfallen. Nicht als Pose, sondern als Lebensform: Wiederholung, Präzision, Reaktionszeit. Ein Ball, der kommt, bevor man bereit ist.
Safdie spricht schnell, aber nicht fahrig. Seine Sätze drängen, als wäre Zeit etwas, das man verliert, sobald man innehält. Noch bevor das Gespräch eine klare Richtung bekommt, sagt er einen Satz, der zunächst beiläufig klingt und sich später als Zentrum erweist: »Ich habe jahrelang in der letzten Sekunde gelebt. In der 23. Stunde, der 59. Minute, der 59. Sekunde. Jeden einzelnen Tag.« So habe es sich angefühlt, an einem Film zu arbeiten, an den niemand glaubte. Zehn Jahre lang. Jeden Morgen aufzuwachen mit dem Gefühl, dass der Traum nur dann weiterexistiert, wenn man ihn aktiv unter Strom setzt. Deadlines zu erfinden, damit es vorangeht. Wenn er seinen Co-Autor Ronald Bronstein anrief und sagte, bis Mittwoch brauche es eine neue Fassung, habe das keinen äußeren Anlass gehabt. Es ging nicht um Produktionslogik. Es ging um Überleben. »Warum?«, habe Bronstein gefragt. »Ist egal. Wir brauchen sie einfach.«
Rückblickend spricht Safdie nicht von Geduld oder Beharrlichkeit. Er spricht von Dringlichkeit. Von einem Zustand, in dem Zeit einem permanent zu entgleiten droht. »Wenn ich den Traum nicht jeden Tag elektrisiert hätte, wäre er gestorben.« Das Kino, das aus diesem Zustand hervorgegangen ist, trägt diese Anspannung bis heute in sich. Es ist das Kino der Brüder Safdie: zwei New Yorker Filmemacher, die aus der Stadt ein Hochdrucksystem gemacht haben. Filme wie »Good Time« und »Der schwarze Diamant« wirken, als hätten sie keine Zeit, stillzustehen. Die Kamera bleibt selten lange ruhig. Figuren geraten in Bewegung, weil Bewegung für sie eine Form von Überleben ist. Seit Kurzem gehen Josh und Benny getrennte Wege – Benny im Herbst mit seinem Wrestlerdrama »The Smashing Machine«, Josh nun mit »Marty Supreme« –, doch der innere Takt, den sie gemeinsam geprägt haben, bleibt spürbar: ein Kino der Dringlichkeit, der Enge, der permanenten Entscheidung.
Das hat viel mit New York zu tun. Nicht als Postkarte, nicht als Mythos, eher als Taktung. Als Stadt, in der Zeit nie neutral ist, weil alles ständig um Aufmerksamkeit, Raum, Geld, Status konkurriert. Für diese Figuren bedeutet New York permanenten Druck. Wer dort bestehen will, muss lernen, Sekunden zu instrumentalisieren. Die Stadt ist weniger Kulisse als Gegenspieler: Sie stellt Fallen aus Lärm, Nähe, Tempo; sie zwingt Menschen, schneller zu sein als die Umstände oder zumindest so zu tun, als wären sie es.
Kein Zufall also, dass Safdie beim Tischtennis landet, einem Sport, der im Kern aus Reaktionszeit besteht. Ein Spiel, in dem man nicht planen kann wie im Schach, sondern nur lesen, springen, antizipieren. Der Körper muss früher wissen als der Kopf. Dabei interessiert Safdie die Zeit um 1952 als Moment, in dem Exzellenz möglich war ohne institutionelle Anerkennung. Tischtennis hatte keine Lobby, kein Ansehen. »Mein Co-Autor dachte, ich mache einen Witz. Für ihn war Pingpong keine echte Sportart.« Für Safdie liegt genau darin der Reiz. »Der Größte in irgendetwas zu sein, ist immer eine echte Leistung«, sagt er. »Du kannst der beste Klempner der Welt sein. Dann bist du einer von acht Milliarden Menschen, die das nicht sind.« In dieser radikalen Ernsthaftigkeit erkennt er eine fast spirituelle Dimension. »Da steckt etwas Göttliches drin«, sagt er. »Es fühlt sich an wie eine Berufung.«
Der Impuls für den Film führt zurück zu Marty Reisman, einem legendären amerikanischen Tischtennisspieler des 20. Jahrhunderts. Safdies Frau schenkte ihm ein Buch über Reisman: »Confessions of a Table Tennis Champion and Hustler«. Gefunden in einem Secondhandladen. Ein Detail, das klingt wie Safdies Methode: Die Idee kommt nicht am Schreibtisch, sie fällt ihm unvermittelt in die Hände. Reisman wird zum Eintrittstor in eine Szene, die zugleich eng und grenzenlos ist: ein paar Straßen, ein paar Hinterzimmer und von dort aus die ganze Welt. Ein Kosmos aus Spiel, Geld, Tricks, Rivalitäten, Improvisation. »Diese Typen lebten in Midtown. Totale Trickser. Hustler. Niemand wusste, wo sie morgen schlafen würden. Am Mittwoch schlafen sie irgendwo in New York und am Samstag sind sie plötzlich in London oder Istanbul oder Paris oder München. Sie lebten auf drei Blocks in New York und waren weltweit unterwegs.«
Es sind Männer, die einen Traum haben, den niemand respektiert. Genau darin erkennt Safdie sich wieder. Er beschreibt diese Tischtenniswelt nicht als exotische Subkultur, sondern als Parallele zum Independentkino: die gleiche Mischung aus Besessenheit und Provisorium, aus großem Ernst und lächerlichen Umständen. Safdie befragt seinen Onkel, der mit diesen Spielern aufgewachsen war, nach dessen Erinnerungen an den Alltag mit ihnen. »Er erzählte mir, wie sie nach dem Schabbat-Essen Bücher auf den Küchentisch gelegt, ein Netz gespannt und Tischtennis gespielt haben.« Der Onkel beschreibt diese Männer als Außenseiter. Und er beschreibt sie in einer Mischung, die Safdie sichtbar elektrisiert: todernst und gleichzeitig totale Clowns. »Sie hatten Wettbewerbe, wer am weitesten spucken kann.«
Diese Kombination aus Askese und Albernheit, aus großem Ernst und niederer Komik, wird zum Kern von »Marty Supreme«. Safdie ist fasziniert von Menschen, deren Träume niemand ernst nimmt und die gerade dadurch härter werden. Es ist Trotz, der sich in Technik verwandelt: Immer in Bewegung bleiben, auch wenn niemand klatscht. Safdie spricht davon, wie er versucht habe, sein Schicksal mit einem Traum zu kontrollieren. Weil man das Chaos nicht besiegen kann, aber ihm zumindest einen Takt aufzwingen. Also sagte er zu Ronald Bronstein: »Ich will einen Film über den besten Tischtennisspieler der Welt im Jahr 1952 machen.« Bronstein habe gelacht. Aber für Safdie ist Exzellenz keine Frage von Glamour. Sie ist etwas Handwerkliches, etwas Körperliches, das sich im Wiederholen und in der Hingabe zeigt.
Josh Safdie stammt aus einer New Yorker Familie, deren Prägung sich weniger als Thema, sondern als Haltung in seinem Kino niederschlägt. Geboren 1984, aufgewachsen in Queens und Manhattan, Sohn eines aus Europa stammenden syrisch-jüdischen Vaters und einer russisch-jüdischen Mutter, wächst Safdie in einem Milieu auf, in dem Stadt, Migration, Bewegung und Improvisation keine Metaphern sind, sondern Alltag. Früh beginnt er, mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Benny zu filmen, angeregt von einem Vater, der obsessiv das urbane Leben mit der Kamera dokumentiert. Diese Herkunft schreibt sich als ästhetische Grundspannung ein: das Kino als Beobachtungsmaschine, als Mittel, eine Welt festzuhalten, die sich permanent entzieht. Die Filme der Safdies sind unterwegs, ohne ein Ziel zu haben, das ihnen Halt geben würde.
Schon »The Pleasure of Being Robbed«, Joshs Solo-Langdebüt von 2008, wirkt wie ein Streifzug durch Manhattan. Eine junge Frau bewegt sich durch die Stadt, begeht kleine Diebstähle, verschwindet wieder. Der Film folgt keinem klassischen Plot, eher einem Rhythmus. In »Daddy Longlegs«, dem ersten gemeinsamen Spielfilm der Brüder, wird diese Beweglichkeit zur Belastungsprobe. Ein Vater liebt seine Kinder und scheitert an seinem Leben. Alles in New York ist zu laut, zu eng, zu schnell. Der Alltag zerfällt in kleine Katastrophen. Nähe kippt in Überforderung. »Mad Love in New York« radikalisiert diese Nähe. Abhängigkeit erscheint als Zeitfalle. Alles dreht sich um den nächsten Moment. Die Kamera ist nicht Beobachterin, sie ist Teil des Geschehens. In »Good Time« wird das klassische Heistmovie zum urbanen Marathon. Jede Entscheidung verschärft die Lage, Zeit wird zur Bedrohung. Die Stadt erscheint als Labyrinth aus Neonlicht, Bildschirmen, Stimmen. Mit »Der schwarze Diamant« treiben die Safdies diese Form auf die Spitze. Ein Sportwettenfilm als existenzieller Thriller. Die Handlung ist eine Abfolge von Entscheidungen unter Zeitdruck. Alles ist gleichzeitig, alles verlangt Aufmerksamkeit. Hier ist New York der Gegner, ein System, das man überlisten will.
Parallel dazu entsteht mit »Lenny Cooke« ein Dokumentarfilm über ein Basketball-Talent, dessen Karriere im Modus des »fast« endet. Hier wird Zeit zum zähen Prozess. Erwartungen verblassen. »Marty Supreme«, Josh Safdies erstes Soloprojekt seit der kreativen Trennung der Brüder, schließt an diese Linie an und verschiebt sie zugleich. Der Film verlagert die Ästhetik in eine andere Zeit, ohne ihr Tempo zu drosseln. Die Dringlichkeit bleibt. Die Körper bleiben unter Spannung. Nur die Oberfläche hat sich verändert.
Diese Filme brauchen Schauspieler, deren Präsenz einen inneren Takt sichtbar macht. In »Marty Supreme« findet Safdie mit Timothée Chalamet einen Schauspieler, der diese innere Beschleunigung bereits in sich trägt. »Er hatte diese Energie«, sagt Safdie. Als er ihn zum ersten Mal auf einer Party beobachtete, habe er jemanden gesehen, der nicht stillsitzen konnte: präsent und gleichzeitig abwesend, als hielte er sich selbst unter Strom. »Er war Timothée Supreme«, sagt Safdie. Chalamet beginnt früh mit dem Training. Tischtennis ist in diesem Film keine Kulisse, sondern Disziplin. Wiederholung, Rhythmus, Präzision. Und Körper, die in Bruchteilen von Sekunden reagieren. Chalamets Einsatz könnte ihm im März womöglich den Oscar bringen.
Safdie arbeitet mit Steadicam, um ganz bei den Figuren zu bleiben. Markierungen auf dem Boden lehnt er ab, die Schauspieler sollen sich frei bewegen. Der Raum ist offen, Entscheidungen entstehen im Moment. Eine kurze Szene in Paris beschreibt diesen Ansatz: Chalamets Figur läuft eine Straße entlang. Kein Dialog. Safdie gibt ihm vor dem Take nur eine Situation: Du hast gelogen. Du bist dabei ertappt worden. Jetzt brauchst du eine neue Lüge. Und du bist zu spät dran. »Das ist alles«, sagt Safdie. »Go!« Was im Film zu sehen ist, ist kein erklärtes Denken. Es ist ein Körper unter Spannung: schneller Schritt, konzentrierter Blick, ein Kopf in Arbeit. »Man weiß als Publikum nicht, woran er in dem Moment denkt«, sagt Safdie. »Aber er denkt die ganze Zeit.« So entsteht Handlung bei ihm oft nicht aus Dialog, sondern aus Bewegung. Aus Reaktion. Aus Zeitdruck.
Für Safdie ist das historische Setting eine Umstellung. In seinen früheren Filmen konnte er recherchieren, indem er hinausging: auf die Straße, in reale Räume. 1952 lässt sich so nicht finden. »Ich musste lesen«, sagt er. »Ich musste mir vorstellen, wie es war.« Und Safdie sucht Menschen, die sich erinnern können. Er interviewt Zeitzeugen, rekonstruiert nicht nur Optik, sondern Alltagsgefühl. Aber er will keine historische Sprache, keine Fünfzigerjahre-Rhetorik. »Die Emotionen waren dieselben«, sagt er. »Weinen war damals genauso wie heute.« Diese Besessenheit gilt jedem Detail. Auch dem Hintergrund. Den Komparsen. Den Gesichtern. Jeder Statist soll so wirken, als könnte er jederzeit sprechen. Jeder Blick soll glaubwürdig sein.
Und dann ist da die ganz reale Gegenwart der beiden Brüder auf getrennten Wegen. Benny mit »The Smashing Machine«, Josh mit »Marty Supreme«. Die Branche macht daraus ein Duell. Zwei geniale Brüder als Gegenspieler in der Award-Season. Sie selbst schweigen dazu. Am Ende führt alles zurück zu jener ersten Frage. Zu Timo Boll und dem Ernst, mit dem Josh Safdie über ihn spricht. Der ehemalige Weltranglistenerste steht für Exzellenz, die sichtbar geworden ist. Marty steht für Durchhaltevermögen ohne Publikum: für den Küchentisch, für Bücher als Netz, für Training, das niemand filmt. Safdie kennt beide Zustände. Er hat jahrelang in der letzten Sekunde gelebt. Seine Filme verweigern den Überblick. Sie bleiben nah an Körpern, an Räumen, an Entscheidungen unter Zeitdruck. Auch »Marty Supreme« bietet keinen Abschluss, der beruhigt. Und Josh Safdie ist noch lange nicht angekommen. Auch wenn er einen der aufregendsten Filme des Jahres gemacht hat.




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