Kritik zu Madame Kika
Alexe Poukine erzählt vorurteilsfrei von einer Sozialarbeiterin, die ins BDSM-Gewerbe wechselt. Dabei zahlen sich die Erfahrungen der Regisseurin im Dokumentarischen aus
Der Film beginnt wie ein Traum, in dem eine junge Frau und ihr Freund auf dem Fahrrad schwerelos durchs Blätterrauschen eines Waldes gleiten. Mit einem Schnitt landet man in der harten Realität der Sozialarbeit. Dieselbe Frau wird schon bei ihrer Ankunft am Arbeitsplatz im Gang der Behörde von Bedürftigen belagert. Sie stutzt und staunt einen Moment, als eine ihrer Kundinnen zögernd einräumt, ein bisschen Geld dazuzuverdienen, mit dem Verkauf getragener Unterhosen im Internet. Nach Feierabend hetzt sie noch schnell in den Fahrradladen, um endlich das Rad ihrer Tochter reparieren zu lassen. Ein wenig mürrisch öffnet ihr der Mechaniker, richtig genervt ist er, als sie beim Absperren den Schlüssel abbricht. Stundenlang sind die beiden eingesperrt, wodurch sich die zarte Innigkeit einer großen Liebesgeschichte entwickeln kann. Nach 17 Jahren wird Kika den Vater ihrer Tochter verlassen, um in einer geräumigen, lichten Wohnung eine Patchworkfamilie mit dem Fahrradmechaniker David zu gründen.
Die belgische Regisseurin Alexe Poukine nähert sich dem Kern ihrer Geschichte in elliptisch erzählten Etappen, komponiert ihr Spielfilmdebüt aus vielen Momentaufnahmen, in denen ihre dokumentarische Sensibilität durchschlägt. Kaum ist die Liebe etabliert, wird sie Kika wieder entrissen, David stirbt plötzlich im Supermarkt an einem Schlaganfall, und Kika wird selbst zum Sozialfall. Allein kann sie sich die gemeinsame Wohnung nicht mehr leisten. Da der Mietvertrag auf David lief, bekommt sie die Kaution nicht, die sie bräuchte, um eine neue anzumieten. Selbst zum Sozialfall zu werden, ist unerträglich für sie. Jeden, der ihr helfen will, wehrt sie ab, die Mutter, den Stiefvater, den Vater ihrer Tochter, die Freunde. Und sie unterdrückt die eigenen Gefühle, ihre Trauer, ihre Not, ihre Sorge um die Tochter. Sie erinnert sich an den lukrativen Nebenjob ihrer Kundin, verkauft selbst einen Slip. Bald landet sie auf einem Portal für BDSM-Praktiken, für Demütigungen aller Art, und zugleich in der quicklebendigen, warmherzigen Solidargemeinschaft der Sexarbeiterinnen, die in dem Stundenhotel arbeiten, das einst Kikas und Davids erstes Liebesnest war. Aus der Sozialarbeiterin Kika wird die Teilzeit-Sexarbeiterin Madame Kika.
Ähnlich wie in »Broke. Alone. A Kinky Love Story«, der viel zu kurz in den Kinos war und jetzt immerhin als VoD verfügbar ist, erlebt man auch hier auf erfrischend unmittelbare, vorurteilslose, unvoyeuristische und immer wieder auch komische Weise, wie eine junge Frau in prekärer Lage, zunächst scheu und zurückhaltend, zunehmend aufmerksam und neugierig, erste Erfahrungen in der Welt der Sexarbeit macht. In der Hauptrolle macht Manon Clavel die anfänglichen Berührungsängste spürbar, aber auch die therapeutische Kraft, die den erotischen Rollenspielen innewohnt: Als Kika vom kindlichen Weinen eines Kunden abgestoßen ist, weist ihre Kollegin sie zurecht: Kannst du dir vorstellen, wie viel Mut es braucht, das zu tun?





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