Interview: Jafar Panahi über »Ein einfacher Unfall«

Jafar Panahi am Set von »Ein einfacher Unfall« (2025). © Les Films Pelleas

Jafar Panahi am Set von »Ein einfacher Unfall« (2025). © Les Films Pelleas

Herr Panahi, Ihr Film »Ein einfacher Unfall« beginnt mit einer Familie im Auto, die man deshalb für die Protagonisten des Films halten könnte. Das ändert sich kurz darauf, als der Vater ... als der Vater einen Hund überfährt und eine Werkstatt aufsuchen muss. Ein quietschendes Geräusch, das er dabei verursacht, erinnert den Besitzer der Werkstatt an jemanden aus seiner Vergangenheit, damit geht ein Perspektivwechsel einher, der Familienvater wird damit zum Antagonisten. Warum haben Sie diese Figur auf diese Weise eingeführt?

Ich wollte den Zuschauern etwas über diese Figur mitteilen, was so später nicht mehr möglich gewesen wäre. Damit wollte ich auch Zweifel säen beim Zuschauer, so wie andere Figuren im Verlauf der Geschichte zweifeln. Ich wollte zeigen, dass dies eine Familie ist, deren ideologische Überzeugung der offiziellen Ideologie nahesteht. Als der Unfall passiert, sagt die Mutter, das sei der Wille Gottes. Die kleine Tochter widerspricht dem und sagt zu ihrem Vater, 'Du hast das Tier überfahren. Warum machst du Gott dafür verantwortlich?' Ich wollte den Vater charakterisieren als jemanden, der sich sehr darüber aufregt, dass er das Tier getötet hat, jemand, der offensichtlich unter Stress steht. Kann so jemand ein Folterer sein, wenn er sich über den Tod dieses Tieres so aufregt? Als er dann aus dem Auto steigt, hört man zum ersten Mal das quietschende Geräusch, das seine Schritte verursachen. Das sollte sich dem Zuschauer einprägen, er wird es später ja noch öfter hören.

Die Frage, wie man mit staatlich sanktionierten Massenmördern umgeht, wird in letzter Zeit verstärkt debattiert, durch die Kriege in der Ukraine und in Gaza, aber auch, weil sich die Nürnberger Prozesse zum achtzigsten Mal jährten. Als Sie selber im Gefängnis waren, war diese Frage dort Gegenstand von Gesprächen?

Davon habe ich nichts gehört, ich habe mich allerdings auch nicht darauf konzentriert, weil ich damals noch nicht den Plan hatte, darüber einen Film zu machen.

In einem Filmgespräch haben Sie erzählt, dass der israelische Luftangriff auf das Evin-Gefängnis (wo Sie selber zeitweilig inhaftiert waren) Gefangenen die Chance eröffnete, daraus zu fliehen, viele aber stattdessen dem verwundeten Wachpersonal halfen. Das hat mich doch überrascht.

Das war eine Frage der Menschlichkeit – und die steht über allem. Stellen Sie sich vor, dass eine verwundete Person in die Hände eines Arztes gerät: würde der nicht alles versuchen, um das Leben dieser Person zu retten? In dem Moment geht es nicht darum, was diese Person tut oder woran diese Person glaubt, sondern einzig und allein um den humanitären Aspekt. Von Europa abgesehen, leben wir gerade in einer Krisensituation. Wenn man mittendrin in so einer Situation steckt, ist nicht abzusehen, was in der Zukunft passieren wird. Im vereinten Europa haben die Menschen Konflikte weitgehend überwunden. Das unterscheidet sich sehr von der Situation, in der wir uns befinden. Ich habe gehört, dass in Osteuropa, als der Eiserne Vorhang fiel, ein Drittel der Bevölkerung mit dem Staat kooperiert hatte, indem sie ihre Nachbarn bespitzelte. Sollte man all diese Menschen töten? Sollte man sie so behandeln, wie sie andere behandelt hatten? Wann werden diese Gewaltakte enden? An einem Punkt muss das aufhören. Das gilt nicht für Personen, die Gräueltaten begangen haben, sie sollten vor Gericht gestellt werden, das Gesetz soll über sie entscheiden. Aber wir müssen auch grundsätzliche Entscheidungen treffen. Um Gewalt zu bannen, müssen wir uns entscheiden, was wir wollen. Es geht dabei nicht nur um Vergebung. Für mich war hier wichtig: was passiert in der Zukunft? Es stimmt, der Film spricht über Rache. Aber Rache zu nehmen ist ein sehr emotionaler Akt der Aufregung, zumindest im Anfangsstadium, der dann durch Vernunft abgelöst werden sollte.

Obwohl dieser Film sehr viel grimmiger und düsterer ist als Ihre letzten Arbeiten, gibt es eine Reihe komischer Szenen, eine fungiert sogar als running gag: wenn nach einem Trinkgeld gefragt wird, zuerst von den beiden Wachmännern, später unter anderem von der Krankenschwester im Hospital. Ich nehme nicht an, das haben Sie erfunden. Ist es ein Verweis auf die prekäre finanzielle Lage vieler Menschen im Iran – dass auch eine Vollzeitstelle nicht reicht zum Leben?

Nein, das geht vielmehr zurück auf etwas, das in autoritären Regimen eine große Rolle spielt. Weil es keine funktionierenden Strukturen gibt, begünstigt das eine weitgehende finanzielle Korruption, die alles erfasst. Diejenigen, die dem Regime nahe stehen, profitieren davon. Sie verharmlosen das selber mit dem Begriff 'Trinkgeld'.

In Ihren letzten fünf Filmen, beginnend mit »Dies ist kein Film« (2011), standen Sie selber vor der Kamera, meist sogar im Zentrum der Filme, die Ihre Rolle als Filmemacher thematisierten und anfangs ganz minimalistisch angelegt waren. Was führte dazu, dass Sie diesmal einen ganz anderen Film gemacht haben?

Als ein zwanzigjähriges Berufsverbot gegen mich verhängt wurde, war ich auf mich selbst zurückgeworfen und überlegte, was sind meine eigenen Fähigkeiten, wie kann ich die am besten nutzen? Zuvor erzählten meine Filme von Menschen und davon, was in unserer Gesellschaft passiert. Als ich meiner Verbindung dazu beraubt wurde, begann ich, mich mit mir selber und mit den Problemen meines Berufes auseinanderzusetzen. Alle meine nachfolgenden Filme erzählten von mir und dem Kino, deshalb stand ich selber vor der Kamera. Dabei fragte ich mich: was könnte ich machen, wenn ich keine Filme machen kann? Ich kann zum Beispiel Taxi fahren. Aber als Filmemacher konnte ich dabei der Versuchung nicht widerstehen, eine Kamera im Taxi zu verbergen und die Geschichten meiner Passagiere zu erzählen. Nach 15 Jahren wurde mir dann mitgeteilt, dass alle Urteile gegen mich aufgehoben wären und ich wieder arbeiten dürfe. Auch das hatte einen psychologischen Effekt, ich trat nicht mehr vor der Kamera auf, sondern ausschließlich wieder dahinter. Stilistisch sind meine Arbeiten jedoch gleich geblieben, denn für die Themen, mit denen ich mich auseinandersetzen wollte, war es unmöglich, eine offizielle Erlaubnis zu bekommen – ich musste also weiterhin heimlich drehen.

Wie war die Reaktion der offiziellen Stellen im Iran, nachdem Sie im Mai beim Filmfestival von Cannes den Hauptpreis, die Goldene Palme, gewonnen hatten? Wurde das verschwiegen? Gab es eine offizielle Verwarnung?

Als ich in Cannes ankam, teilte ich sofort mit, dass ich nach dem Ende des Festivals in den Iran zurückkehren würde. 24 Stunden nach dem Ende des Festivals kamen wir auf dem Flughafen in Teheran an. Dort traf ich Freunde, Familienangehörige, die Angehörigen von politischen Gefangenen und einfach auch Menschen, die gekommen waren, um mich zu begrüßen. Die offiziellen Stellungnahmen waren so, wie wir es erwartet hatten. Filme, mit denen sie nicht übereinstimmen, behandeln sie immer gleich. Sie versuchten den Film im staatlichen Fernsehen und Radio zu sabotieren. Wenn sie eine negative Besprechung fanden, hoben sie die hervor: schaut an, der Film ist nicht sehenswert, das sagen sogar westliche Medien. So machten sie es nicht nur bei meinem Film, sondern bei allen Filmen, mit denen sie nicht übereinstimmen.

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