Nachruf: Olympia Dukakis

Mutter Courage und ihre Sprüche
Olympia Dukakis mit Dolly Parton in »Magnolien aus Stahl« (1989). © TriStar Pictures / Sony Pictures Entertainment Deutschland

Olympia Dukakis mit Dolly Parton in »Magnolien aus Stahl« (1989)

© TriStar Pictures / Sony Pictures Entertainment Deutschland

Olympia Dukakis, Schauspielerin, 20.6.1931 – 1.5.2021

Ihren Durchbruch im Kino feierte sie mit grauen Haaren. In der Komödie »Mondsüchtig« (Moonstruck, 1987) spielte Olympia Dukakis mit 56 die Mutter von Cher – eine Rolle, die viel mehr war als die fröhlich-rustikale Begleitmusik zu den Liebeswirren der Tochter. Zwar porträtiert Regisseur Norman Jewison mit Gusto eine temperamentvolle italoamerikanische Familie. Doch wo Dukakis einerseits mit raubauzigen Onelinern über Männer à la »Wenn man sie liebt, treiben sie einen in den Wahnsinn, weil sie es können« für Erheiterung sorgt, da verleiht sie andererseits dem Klischee der ständig kochenden, wuselnden Mama eine unerwartete Tiefe. Als verletzte Matriarchin, die keine Angst davor hat, ihrem Ehemann »Ti amo« zu sagen und ihm im gleichen Atemzug königinnengleich zu befehlen, seine Geliebte fallenzulassen, spielte Dukakis alle an die Wand. Die Souveränität, mit der Olympia Dukakis spruchreife Sätze vom Stapel ließ, verschaffte ihr sofortigen Starruhm, und einen Oscar für die beste Nebenrolle.

Es war der Auftakt zu ihrer zweiten Karriere, denn ihr Charisma hatte Dukakis da schon ausgiebig auf der Bühne geschliffen. Ihr Schauspielstudium in den 60ern finanzierte sie mit ihrer Ausbildung als Physiotherapeutin. Viele Jahre tingelte sie durchs Land, trat Off- und On-Broadway auf und gründete mit ihrem Mann, dem Produzenten Louis Zorich, 1973 in New York ein eigenes Theater, das zwei Jahrzehnte Bestand hatte. Drei Kinder bekam die Selfmadefrau ab dem Alter von 37 Jahren auch noch. In ihrer letzten Theaterrolle 2013 spielte sie die »Mutter Courage«.

Die Tochter griechischer Einwanderer von der Insel Lesbos und aus der Türkei war in vielerlei Hinsicht eine unkonventionelle Persönlichkeit und Pionierin. Von Kind an war Diskriminierung eine alltägliche Erfahrung, und auch später hat sie »nie richtig reingepasst, sowohl im Hinblick auf die griechische als auch auf die amerikanische Mainstreamkultur. Aber das ist okay«. Im Film konnte sie den Malus ihrer »südländischen« Physiognomie in einen Bonus verwandeln. Schon in ihren ersten Minirollen wurde sie »ethnisch« besetzt, meistens als Italienerin. Bereits 1969 trat sie, mit 38 nur sechs Jahre älter als Dustin Hoffman, in »John & Mary« als dessen Mutter auf. Nach ihrem Durchbruch waren ihre Parts meist mehr oder weniger kreative Weiterentwicklungen ihres »Mondsüchtig«-Charakters. Oft verkörperte sie, etwa im Allstar-Ensemble des Südstaatendramas »Magnolien aus Stahl« (1998), den Typ des bedrohlich selbstbewussten Golden Girl, mit Big Hair, flamboyanten Kostümen, behangen mit Schmuck, mit klaren Ansagen, warmherzig und abgebrüht, entschlossen, dem Leben alles abzutrotzen. Mit ihrem leicht amüsierten Lächeln, dem durchdringenden Blick und der »Erzähl mir nix!«-Attitüde stach sie aus den prominentesten Weißbrot-Ensembles, etwa in Woody Allens Komödie »Geliebte Aphrodite« oder »Die Waffen der Frauen« mit Harrison Ford, heraus. Der Kontrast zwischen ihrer zupackenden Weiblichkeit und dem blonden WASP-Ideal wird besonders in Sarah Polleys Senioren-Liebesdrama »An ihrer Seite« (2006) ausgespielt, in dem sie Julie Christie aussticht.

Dukakis, die sich schon früh für LGBT-Rechte engagierte, trat unter anderem im lesbischen Liebesdrama »Cloudbursts« (2011) auf, in dem ein alterndes Paar nach Kanada fährt, um zu heiraten. Am bekanntesten wurde sie in den USA aber vielleicht mit der zur Entstehungszeit 1993 weit wagemutigeren Serie »Tales of a City« (nach Armistead Maupins »Stadtgeschichten« aus San Francisco), einem Meilenstein queerer Kultur. Als Anna Madrigal, eine weise und gutherzige Transgender-Vermieterin – obwohl der Trans-Aspekt anfangs unterschlagen wurde – und mütterliche Doyenne einer diversen Clique in San Francisco kam sie so gut an, dass die Serie drei weitere Staffeln, zuletzt 2019 bei Netflix, bekam. Das war auch das Jahr, in dem Anna Madrigal im Kreise ihrer Lieben sterben durfte. »Wer ist gestorben?« war Dukakis' berühmter erster Satz in »Mondsüchtig«, als sie aus dem Schlaf gerissen wird. Nun ist die vitale Grand Dame selbst, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, in ihrem geliebten New York entschlafen.

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