Interview: Oliver Kienle über die zweite Staffel »Bad Banks«

Oliver Kienle

Herr Kienle, Sie haben nach der ersten auch die zweite Staffel von »Bad Banks« geschrieben. Gab es eigentlich nach Ausstrahlung der ersten Staffel vor zwei Jahren mal Umfragen bezüglich des Images von Bankern?

Davon weiß ich nichts, aber viele Menschen haben gesagt, »Jedes Klischee wird bestätigt«, aber genauso viele: »Toll, dass das so klischeefrei ist.« Ich habe immer gesagt, »Wenn wir alles richtig machen, geht danach die Bewerberzahl bei der Deutschen Bank wieder hoch.«Das waren auch die Reaktionen, die ich von vielen Bankern oder Ex-Bankern bekommen habe, dass die die Serie geil fanden, weil da die Banker ja noch richtig rocken. Für mich war immer klar, dass so eine Serie nicht nur abschrecken, sondern auch faszinieren wird. Eine junge Frau hat mir gesagt, nachdem sie die Serie gesehen hat, wollte sie Bankerin werden, während eine andere meinte, sie fand Christelle Leblanc sympathisch und empfand sie als Vorbild. Ich denke, es ist ein Qualitätsmerkmal von Serien und Filmen, wenn Zuschauer daraus unterschiedliche Sichtweisen entwickeln.

Sie haben geäußert, dass Banker nach Ansicht der Serie äußerten, was dort an krimineller Energie gezeigt würde, sei eher harmlos im Vergleich zur Realität.

Ja, es gab einige, die gesagt haben, »das ist ja ganz süß, was Ihr da erzählt, aber…« – und mir dann schlimmere Sachen erzählt haben. Klar war, dass es in der zweiten Staffel krimineller wird, dass es immer tiefer in den Abgrund geht, aber ich wollte nicht, dass man ganz raus geht aus der normalen Arbeitswelt.

Die Kriminalität ist überwiegend sehr traditionell: etwa, sich jemanden durch ein Callgirl gefügig machen – ich hatte gedacht, Banker sind da erfindungsreicher.

Danach sucht man auch immer händeringend bei der Recherche und man will immer ganz kreative Dinge finden, aber man stellt fest, dass auch in der Realität meist die klassischen Sachen funktionieren.

Wenn wir in der ersten Staffel noch erzählt haben, wie alle versuchen, diese illegalen Dinge zu vermeiden, was tun sie dann, wenn sie das Illegale akzeptieren? Andere Dinge, auf die wir gestoßen sind, sind eher tölpelhaft. Das gegenseitige Sabotieren und Hacken gibt es in der Fintech-Szene auf jeden Fall. Einer meiner Fachberater musste bei einem Telefonat einmal auflegen, weil es einen Angriff auf das Fintech gab, in dem er arbeitet.

In der ersten Staffel haben wir vom klassischen Investmentbanking erzählt, das es genauso vor der Finanzkrise auch schon gab. Mir war es aber schon früh ein Bedürfnis, von der Zukunft zu erzählen – umso mehr, weil mehrere der Fachberater inzwischen in die Fintech-Branche gewechselt hatten. Zudem wollte ich den Alt-gegen-Jung-Konflikt mithineinbringen, der sich meines Erachtens durch alle Branchen und letztendlich auch die Gesellschaft zieht. Fridays for Future ist wohl nur das bekannteste aktuelle Beispiel.

Bei der ersten Staffel fungierten Sie als Headwriter und hatten zwei weitere Mit-Autoren an Bord. Diesmal sehen die Drehbuch-Credits anders aus.

Es gibt in Deutschland kein Nennungssystem, das klare Begriffe mit klaren Aufgabenfeldern verbindet, wenn mehrere Autoren beteiligt sind. Mit meinen beiden Ko-Autoren habe ich damals im Vorfeld endlose Brainstorming-Runden gedreht, und auch wenn die spätere wirkliche Drehbucharbeit hauptsächlich bei mir lag, war es eine Zusammenarbeit, die in den Credits eine Wertschätzung finden sollte. Bei der zweiten gab es aber nur eine kurze gemeinsame Outline-Arbeit, geschrieben habe ich fast komplett alleine. Über die Schreibarbeit hinaus war ich bei allen kreativen Entscheidungen dabei und habe noch intensiver als bei der ersten Staffel im Schnitt mitgearbeitet. Auch weil wir einen Regiewechsel hatten, lag es an mir, die Kontinuität zu wahren.

Der Ausstieg von Christian Schwochow, dem Regisseur der ersten Staffel, der dann das Angebot annahm, in Großbritannien zwei Folgen der Serie »The Crown« zu inszenieren, kam überraschend…

Christian Schwochow ist für mich zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt ausgestiegen, als ich schon ein Jahr an der zweiten Staffel gearbeitet hatte, mit dem Risiko, dass es eine zweite Staffel nie geben würde, und mehreren Schauspielern, die angekündigt hatten, ohne Schwochow nicht mehr mitzumachen. Trotz des Wunsches mehrerer Beteiligter wollte ich selber nicht die komplette Regie übernehmen, weil ich dann zu wenig Zeit für die Drehbücher gehabt hätte. Ich hätte weder 100 Prozent Autor, noch Regisseur sein können. Die Zeit war zu knapp und der Schreibaufwand viel zu groß. Also brauchten wir schnell einen Regisseur, der genauso intensiv mit Schauspielern arbeitete, sich im Genre auskennt, aber uneitel genug ist, den Stil der Serie weiterzuverfolgen. Mein Wunsch war Christian Zübert, weil ich wusste, er hat viele verschiedene Genres ausprobiert, ist selber ein akribischer Drehbuchautor – und letztendlich verstehen wir uns wahrscheinlich so gut, weil wir beide aus Würzburg kommen.

Hatten Sie diesmal mehr Zeit?

Was das Schreiben betrifft, hatte ich weniger Zeit, aber es war anstrengender: was den Rechercheaufwand anbelangt sind wir breiter geworden, es waren mehr Figuren, es kam am Rande die politische Ebene hinzu.

Gibt es für die neu hinzugekommene Figur des deutschen Finanzministers, der höheres Eigenrisiko für die Banker fordert, ein reales Vorbild?

Nein, das ist eine Person, die die Menschen mehr mit der harten Realität konfrontiert. So ein Wagnis würde in der Realität wohl nur jemand eingehen, der ein zweites Standbein hat.

Dass schon vier Folgen der zweiten Staffel geschrieben sind, bevor die erste ausgestrahlt wurde, ist eher ungewöhnlich.

Ich habe das als sehr anstrengend empfunden, das war ein großes Risiko für mich, das wollte ich bei der dritten Staffel nicht machen. Ich habe für die Arbeit zwar Geld bekommen, fühlte mich aber doch schon sehr alleingelassen, wenn man da ein Jahr nur hingehalten wird. Ich habe keine Lust mehr, dass ich alle anderen überzeugen muss, eine neue Staffel zu machen.

Sie haben mittlerweile Ihren dritten Film als Regisseur und Autor gedreht. War »Isi & Ossi« schon immer bei Netflix?

An dem Projekt war ich schon länger dran, und plante es mit X-Filme als Kinofilm. Ich war fasziniert von dem Arm-Reich-Thema in Deutschland und dem Heidelberg–Mannheim-Gegensatz. Netflix hatte mich schon seit über einem Jahr immer wieder wegen möglicher Serien angesprochen. Ich hab sie gefragt, wie es denn mit einem Film wäre, sie fanden das Drehbuch extrem gut, eine Woche später war es komplett finanziert, und so sind wir jetzt der erste Original-Netflix-Movie aus Deutschland. So eine Schnelligkeit und Klarheit habe ich in der Branche noch nicht erlebt. Er ist ab dem 14.2., dem Valentinstag, weltweit verfügbar.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns