Interview: Lorene Scafaria über ihren Film »Hustlers«

Lorene Scafaria. Foto: Focus Features (2012)

Lorene Scafaria. Foto: Focus Features (2012)

Miss Scafaria, ist ein Film über Stripperinnen, noch dazu überwiegend mit nicht-weißen Schauspielerinnen besetzt, auch im Jahr 2019 noch etwas, das sich in Hollywood schwer verwirklichen lässt?

Sagen wir es mal so: die Produzenten haben uns nicht die Tür eingerannt. Aber ich will nicht jammern, wir hatten letztlich tolle Produzent*innen, die mit Leidenschaft hinter uns standen. Spannend war es dann allerdings nochmal, als uns noch vor Drehbeginn Finanzierung und Verleih wegbrachen und wir mit »Hustlers« Klinken putzen gingen. Das war im Herbst 2018, genau in der Woche als die Anhörungen um Brett Kavanaughs Berufung in den Supreme Court stattfanden. Ausgerechnet diese Geschichte an den Mann oder die Frau bringen zu wollen während in vielen Haushalten die Ehepartner nicht mehr miteinander sprachen, war nicht ohne (lacht).

Weil...

Weil »Hustlers« eben eine Geschichte erzählt, die alles andere als schwarz-weiß ist, überhaupt nicht geradlinig oder typisch in die Schublade »Frauen-Empowerment« zu stecken. In der Theorie gibt es mittlerweile in Hollywood durchaus etliche Leute, die sich dafür begeistern, Geschichten über Frauen und auch über nicht-weiße Frauen zu erzählen. Aber wenn diese Frauen sich dann etwas zu Schulden kommen lassen, erschwert das die Sache doch. Und vor allem ist das Stigma rund um Stripper und Sex-Arbeiterinnen nach wie vor riesig, wie ich feststellen musste. Dieser letzte Aspekt war der Hauptgrund, warum es nicht leicht war, ein »Zuhause« für den Film zu finden, und er als Risiko gesehen wurde.

War es der Kampf gegen dieses Stigma, der Sie an diesem Projekt reizte, oder eher der weibliche Zusammenhalt, der in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt?

Beides – und mehr. Die besten Geschichten haben ja immer mehr als eine spannende Facette, und schon der spannende Artikel, auf dem das Drehbuch basiert, hatte diesbezüglich viel zu bieten. Mich interessierte es, mit »Hustlers« eine Welt zu betreten, die viele Menschen weder kennen noch verstehen. Das Schreiben ist für mich immer eine Übung in Empathie, deswegen suche ich mir bevorzugt Figuren, die missverstanden sind oder sich zumindest so fühlen. Und Strip-Clubs sind ja Orte, die wir aus unzähligen Szenen in Film und Fernsehen kennen, nur eigentlich nie aus der Sicht der Frauen erleben. Aber gleichzeitig war mir natürlich die im Kern stehende Freundschaft zweier sehr unterschiedlicher Frauen wichtig, die sowohl in ihrer Herangehensweise an diesen Job als auch im Verhältnis zu ihrem Körper und ihrem Leben kaum verschiedener hätten sein können. 

Nicht nur, aber auch durch die Unterschiedlichkeit der Protagonistinnen erzählt »Hustlers« allerdings auch etwas über unsere Gesellschaft, das über den Strip-Club hinausgeht, oder?

Oh ja, unbedingt. Und vieles wird natürlich nur angerissen, ganz beiläufig, ohne mit dem Zeigefinder darauf zu verweisen. Es geht hier um das Verhältnis von Gender zu Wirtschaft und Kapitalismus. Um ein kaputtes Wertesystem, in dem Frauen nach ihrer Schönheit und ihren Körpern bewertet werden, als Mütter und Sexpartnerinnen, Männer dagegen nach Geld, Erfolg und Macht. Meine Sympathie gilt all jenen, die sich in diesem kaputten Wertesystem irgendwie durchschlagen, gerade wenn sie doppelt marginalisiert sind. Mir ist es wichtig zu zeigen, wie nahe einem – aller Unterschiede zum Trotz – diese Frauen in »Hustlers« sein können. Denn in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein, das verbindet durchaus. Und auch die Erfahrung, kein Geld zu haben oder ums Überleben kämpfen zu müssen, ist eine, die viele sehr verschiedene Menschen teilen.

Der dezidiert weibliche Blick auf diese Geschichte und ihre Protagonistinnen, der so genannte »female gaze«, wie sehr denken Sie über den bewusst nach?

Nicht allzu sehr, vor allem nicht, was den tatsächlichen Blick, also die Visualisierung angeht. Hinter meiner Kamera zum Beispiel stand mit Todd Banhazl zum Beispiel ein Mann, und zwar einer, den ich dank Janelle Monáe und ihrem Video zum Album »Dirty Computer« kennen gelernt habe. Ich war begeistert davon, wie er die Stärke und Wirkungsmacht von Frauen in seinen Bildern einfing, unabhängig von seinem Geschlecht. Was aber natürlich für »Hustlers« ganz entscheidend ist, dass die Geschichte aus der Perspektive einer Frau erzählt wird und wir alles mit den Augen der von Constance Wu gespielten Destiny sehen. Das ist quasi Destinys Film über ihre Kollegin und Freundin Ramona. Von Beginn an, also von Ramonas erstem, eindrucksvollen Betreten der Strip-Bühne an, ging es uns um Kontrolle, also die Kontrolle, die von diesen Frauen ausgeübt wird. Der Auftritt ist natürlich trotzdem noch verdammt sexy, aber wir sehen diese Frauen so, wie sie gesehen werden wollen, nicht so wie die Männer im Publikum sie sehen möchten.

Ramona wird von Jennifer Lopez gespielt, die schauspielerisch zuletzt wenig aufgefallen war. Woher nahmen Sie das Vertrauen, dass sie die Richtige für diese Rolle war?

Dafür reichte es ehrlich gesagt, mich an ihre Rolle in »Out of Sight« vor 21 Jahren zu erinnern. Schon damals fand ich sie brillant, und eigentlich gab es auch in den Jahren danach nichts, wo sie nicht den richtigen Ton getroffen hätte. Sie ist als Schauspielerin sehr authentisch, auch in leichterer Kost wie ihren romantischen Komödien. Auf die lasse ich nichts kommen. Viele Leute lassen sich womöglich davon blenden, dass Jennifer ein popkulturelles Gesamtpaket ist, eine Marke und ein Mogul. Dabei tut das ihrem Können keinen Abbruch. Dass sie obendrein eine fantastische Tänzerin ist, war für mich eher ein zusätzlicher Bonus, danach hatte ich gesucht. Viel wichtiger war es mir, das durchaus auch in ihr schlummernde Gefährliche herauszukitzeln. Abgesehen davon ist sie ja untrennbar mit New York City verbunden, was in diesem Fall auch wie die Faust aufs Auge passte.

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