Kritik zu Als wir träumten

© Pandora

2015
Original-Titel: 
Als wir träumten
Filmstart in Deutschland: 
26.02.2015
L: 
127 Min
FSK: 
12

In seiner Verfilmung des Debütromans von Clemens Meyer schildert Andreas Dresen, wie eine Gruppe von Jugendlichen in Leizpig die Jahre der Wende erlebt: nicht als Epochenbruch, sondern als fließenden, undurchschaubaren Prozess, der mehr Verlierer als Gewinner zurücklässt

Bewertung: 4
Leserbewertung
2.75
2.8 (Stimmen: 4)

Es gab mal eine Zeit, da musste jeder deutsche Film eine Clubszene haben – gerne in fiebrigem Rot und mit Techno-Sound, Gesamtanmutung »hip«. Die Disco in Andreas Dresens Als wir träumten, der Verfilmung eines Romans von Clemens Meyer, ist anders. Da haben fünf Jungs ein paar Kisten Bier in ein Leipziger Abbruchgebäude gekarrt, die ausgefranste Elektrik neu verlötet und einen schmissigen Namen erfunden – fertig ist das »Eastside«, einer dieser düsteren Pop-up-Clubs, die es nach der Wende im Untergrund der Städte tatsächlich gegeben hat.

Für die jungen Unternehmer ist die Party allerdings vorbei, bevor sie richtig angefangen hat, und das liegt nicht nur an der Fascho-Gang, die den Laden irgendwann aufmischt. Danie, Rico, Mark, Paul und Pitbull waren um die zwölf, als die Mauer fiel, und damals schon ein bisschen neben der Spur – keine Dissidenten, aber genervt von roten Pionierhalstüchern und Durchhaltepoesie. Die folgenden Jahren erleben sie im Rausch, als »Gewitter im Kopf«, das von einem unüberschaubaren Konsumangebot und der Konkurrenz lokaler Rackets – leider taucht die Antifa, die den Glatzen kampftechnisch überlegen sein soll, dann doch nicht auf – ausgelöst wird.

Andreas Dresens voraufgegangene Filme, Wolke 9 und Halt auf freier Strecke, beide preisgekrönt, waren von ihren Themen getrieben: Alterssexualität und Krebstod. In Als wir träumten lässt sich nicht so einfach sagen, um was es geht. Das Etikett Generationenporträt ist schnell bei der Hand, aber die Geschichte um die »verlorenen Kinder«, der Plot, den Wolfgang Kohlhaase respektvoll nach dem Roman gebaut hat, löst sich in Episoden und Einzelszenen auf; Danie ist kein verlässlicher Erzähler und die Wahrnehmung der Jugendlichen eingeschränkt. In die ideologische Debatte um Wende oder Revolution, in den Sumpf der politischen Grußformeln begibt sich der Film nicht. Das System DDR erscheint hier brüchiger, durchlässiger und weit weniger dämonisch als in Das Leben der Anderen oder Barbara, den Sozialismus-Bewältigungs-Leitartikeln des deutschen Kinos. Und der Übergang ins System »Deutschland« ist ein tückischer, fließender, komplexer Prozess.  

Ein Prozess, der nicht bewusst erlebt, sondern erfahren und gefühlt wird. Der Film beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie Geschichte sich in den Alltag, die Psyche und  die Körper einschreibt. Das fängt in der DDR schon an, mit einer Wehrübung in der Schule – da diskutieren die mit »Bauchschuss« oder »Rauchvergiftung« getaggten Jungs, welche Behandlung ihnen zusteht, die Hoffnung geht Richtung Mundbeatmung durch die Oberstufenschülerinnen.

Die metaphorischen Verletzungen verwandeln sich nach dem Mauerfall fast stufenlos in echte. Jedes weggesoffene Bier, jede Zigarette, jede Spritze hinterlässt Spuren; Autos und Gesichter werden gleichermaßen gedankenlos zertrümmert; Rico lässt sich in drittklassigen Boxkämpfen verprügeln, das von Danie angebetete Sternchen bringt sich als Pole-Dancerin durch. Weil jedes Wort, das ihnen, erst in der DDR, dann in der BRD, eingetrichtert wird, gelogen ist, suchen die Teenager den physischen Ausdruck. Und der Film verwandelt die gehetzte, erfinderische Prosa der Vorlage in druckvolle, emotionale Bilder und Montagen mit ekstatischem Fast Cutting und treibendem Score, mit sprechenden Ausstattungsdetails und intimen Mikrostudien der jugendlichen Charaktere.

Dass Dresen ein guter Schauspielerregisseur und genauer Milieubeobachter ist, wusste man schon. Hier kann sich sein realistischer Stil aber noch einmal anders entfalten. Als wir träumten nimmt die mit Roland Klick aufgeflackerte Tradition eines viszeralen, »dreckigen«, der Straße abgeschauten deutschen Kinos auf. Das kann nur funktionieren, wenn Empathie für die »Loser«, die Ausgegrenzten und Übervorteilten, im Spiel ist. Dresen und Kohlhaase haben sie.

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