Interview mit Oliver Haffner über seinen Film »Wackersdorf«

Oliver Haffner am Set von »Wackersdorf« (2018). © Alamode Film

Oliver Haffner am Set von »Wackersdorf« (2018). © Alamode Film

Herr Haffner, gab es für Sie eine persönliche Beziehung zum Thema?

Vom Jahrgang 1974 her bin ich ein wenig zu jung, aber ich habe eine acht Jahre ältere Schwester, die war genau im richtigen Alter und ist aus München mit Bussen zu Demonstrationen nach Wackersdorf gefahren, was bei uns – aus Sorge der Eltern um die Kinder – zu familiären Diskussionen geführt hat, obwohl wir aus einem liberalen Elternhaus kommen. Generell ist die Zeit meiner Kindheit und Jugend stark mit der Auseinandersetzung um Atomenergie geprägt gewesen, das war auch sehr angstbesetzt, etwa im Hinblick auf die Literatur, die man damals gelesen hat, wie »Die Wolke«. Es war weniger ein aktives Teilnehmen, aber ein Aufwachsen in dieser Atmosphäre.

Haben Sie beim Dreh festgestellt, dass der Name Wackersdorf in der Region noch etwas bedeutet?

Ja, wir hatten einen Komparsenaufruf, auf den 800 Leute reagiert haben, von denen uns fast jeder seine eigene Wackersdorf-Geschichte erzählt hat. Und das war eigentlich nie sentimental zurückblickend, sondern eher emotional unerlöst. Ich war überrascht, wie präsent das Thema war, allerdings nicht bei den Jungen, alle Anfang Zwanzig haben keine Ahnung mehr, die Älteren schon. Dass das noch immer so erregt, zeigt für mich, dass das Wunden sind, die bis heute nicht verheilt sind. Es hat sich ja auch niemand von Seiten der Staatsregierung entschuldigt für das, was passiert ist, und es hat auch niemand gewürdigt – das Projekt war dann einfach vorbei.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie vom allgemeinen Thema zur Konkretisierung, dem Fokus auf diesen einen Landrat, gekommen sind?

Relativ schnell. Der Auslöser war vor sieben Jahren der Atomunfall von Fukushima und dann der Atomausstieg, damit tauchte meine Jugend plötzlich wieder vor mir auf. Ich dachte zunächst, es gäbe schon einen fiktionalen Film, aber das war nicht der Fall. Ich bin dann an den Produzenten Ingo Fließ herangetreten, der zufälligerweise auch aus der Oberpfalz kommt und selbst demonstriert hat. Er hat sich sofort an diesen Landrat erinnerte, den ich überhaupt nicht kannte. Dann haben wir uns regelmäßig mit ihm getroffen und Gespräche geführt – nach einem halben Jahr wussten wir, das ist der Richtige.

Ist er später eigentlich je für das, was er gemacht hat, geehrt worden?

Nein! Hans Schuierer erzählt es eher scherzhaft, obwohl es eine große Verletzung ist: er ist der einzige bayerische Landrat nach 1945, der keinen Bayerischen Verdienstorden bekommen hat. Den bekommt man sonst automatisch, aber er hat ihn eben nicht bekommen.

Aber dafür die Lex Schuierer!

Genau. Er hat natürlich viele Ehrungen bekommen, auch das Bundesverdienstkreuz, aber vom Land Bayern eben nicht.

War denn die Bayerische Filmförderung auch eher zögerlich bei der Unterstützung?

Sie haben uns sehr unterstützt, wenn auch nicht in der vollen Summe, die wir haben wollten. Inhaltlich gab es keine Bedenken, trotzdem muss man sagen, dass der Film sieben Jahre gebraucht hat, bis er zustande kam und das lag nicht daran, dass wir langsam gearbeitet haben, sondern so lange auf der Suche nach Partnern und Geldgebern waren. Ich denke schon, dass eine gewisse Skepsis dem Stoff gegenüber bestand.

Da darf man gespannt sein auf den Bayerischen Filmpreis Anfang kommenden Jahres…

Ich rechne nicht damit.

Gab es erzählerische Momente, wo Sie Fiktion über die Realität stellen mussten?

Wir sehen ja eigentlich der inneren Entwicklung eines Menschen zu – und die findet manchmal auch im Stillen statt, wo niemand dabei ist, etwa, wenn er sich mit seiner Ehefrau im Bett unterhält oder aber allein im Wald ist. Wenn er im Bett dieses Schwammerlgleichnis bringt, also wie viele Pilze man isst, dann ist das etwas, was seine Frau uns wirklich erzählt hat – ob das nun genau in dieser Situation war, ist dann zweitrangig. Er war auch sportlich aktiv, sie haben jedes Jahr ein Triathlon veranstaltet. Und den hat immer er gewonnen. Das war mir wichtig, ihn in dieser körperlichen Art zu zeigen. Wir haben das dann übertragen in die Radlergruppe, solche Eigenschaften gehören zu der Figur dazu

Wie real sind die anderen Figuren? Ich war besonders beeindruckt von seinem Mitarbeiter (gespielt von Peter Jordan), der Schuierer einmal fragt, »Hassen Sie mich, weil ich aus München komme oder weil ich Akademiker bin?« – um sich dann als loyaler Mitstreiter zu erweisen.

Den Claus Bössenecker gibt es auch (er war auch bei der Filmpremiere dabei), er wurde dann strafversetzt nach Fürth. Das Verhältnis war tatsächlich so, dass sie lange Zeit nichts miteinander anzufangen wussten und sich im gegnerischen Lager vermuteten; er war stark vom kirchlichen Widerstand geprägt – damit hatte der Sozialdemokrat Schuierer wenig am Hut. Auch Lilo Schuierer, die Ehefrau Schuierer, die leider schon verstorben ist, war real. Und die Figur, die Anna Maria Sturm verkörpert, ist angelehnt an ihre Mutter Irene Sturm, die die Bürgerinitiative mitbegründet hat.

Die Widersacher sind, bis auf den Staatssekretär, etwas karikiert…

Es hat sich einfach das Personal geändert in den sieben Jahren Wackersdorf: diese barocken Figuren wie sie August Zirner oder Sigi Zimmerschied darstellen, wurden abgelöst durch die ‚scharfen Hunde’ wie den Staatssekretär. Am Anfang geht es eher um Vetternwirtschaft, dann um Krieg.

Der Begriff ‚Heimat’ wird in letzter Zeit viel strapaziert, ist jetzt auch im Titel eines Bundesministers enthalten. Wollen Sie mit diesem Film dem auch etwas entgegensetzen?

In Bayern ist ja der große Marketingtrick gelungen, dass die CSU mit Heimat gleichgesetzt wird, Heimat soll da Orientierung geben. Ich glaube aber, dass Heimat viel interessanter ist in Verbindung mit Identität und Selbstreflexion: woher kommen Dinge in mir? Deswegen fand ich das bei dem Film auch so toll, dass wir von Anfang an gesagt haben, die Landschaft in der Oberpfalz ist sehr speziell, sie hat so eine karge Schönheit. Diese Landschaften prägen auch ein bestimmtes Denken, eine bestimmte Form von Emotion, die anders ist als im geschäftigen Oberbayern. Insofern ist dies der Versuch eines ehrlichen Heimatfilms, einer, der sozusagen nicht vereinfacht, sondern versucht zu sagen, das ist das Feld, auf dem die Figuren agieren, aus dem sie ihre Hoffnung und ihre Kraft schöpfen. Das ist ein komplexerer Heimatbegriff.

Kann man sagen, dass die Katastrophe von Tschernobyl damals die Bewegung gerettet hat?

Das ist die Überzeugung von Hans Schuierer. Nach den gewalttätigen Polizeieinsätzen glaubte er die Bewegung am Ende. Wir hören ja auf zu einem Zeitpunkt, bevor die ganz großen Ausschreitungen begonnen haben.

Wie sind Sie auf Johannes Zeller für die Hauptrolle gekommen?

Wir haben beide am Reinhardt-Seminar in Wien studiert, er Schauspiel, ich Regie. Allerdings war er vier Jahre über mir. Wir standen auch mal gemeinsam auf der Bühne, ich hatte einen losen Kontakt mit ihm, aber jetzt schon lange nicht mehr. Ich bin dann wieder auf ihn aufmerksam geworden, als ich vor einigen Jahren den »Faust«-Film gesehen habe. Dadurch hat er sich mir als Filmfigur eingebrannt, ich finde, er hat ein internationales Format. Und als wir angefangen haben, über die Besetzung nachzudenken, stand er ganz vorne. Er kommt übrigens aus der Ost-Steiermark, und dahin gab es im 19. Jahrhundert große Auswanderungsbewegungen aus der Oberpfalz, der Dialekt ist ähnlich.

Ich weiß nicht, ob der Film in Bayern je Teil des Lehrplans werden wird – aber Sie planen vermutlich, das junge Publikum mit Sondervorführungen zu erreichen?

Ja; das ging schon nach der Premiere auf dem Filmfest München los.

Der Kinostart drei Wochen vor der Landtagswahl in Bayern zielt auch in diese Richtung?

Ja, das habe ich mir so gewünscht.

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Kommentare

Danke für den tollen Film!

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