12/2019

In diesem Heft

Tipp

»Dolemite is my Name« ist ein Feelgood-Biopic und eine Ode an den Vorvater des Rap, Rudy Ray Moore, und das Guerilla-Filmemachen der 70er
21. Dezember – Am kürzesten Tag des Jahres kommt die kürzeste Gattung der Filmkunst zur Geltung. Die AG Kurzfilm koordiniert selbstorganisierte Veranstaltungen in ganz Deutschland, stellt Vorfilme und kuratierte Kurzfilmprogramme zur Verfügung, lässt es den Veranstaltenden allerdings auch offen, selbst die Programmgestaltung zu übernehmen. Auch in Fernsehen und Internet findet der Kurzfilmtag bei unterschiedlichen Medienanbietern statt.
4. bis 8. Dezember, Stuttgart – Als Branchentreff und Werkschau des Filmlandes findet das Festival seit 1995 statt. Im Rahmen des Baden-Württembergischen Filmpreises werden Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Animationsfilme ausgezeichnet. Zum Jugendfilmpreis können Jugendliche und junge Erwachsene bis 22 Jahre ihre Werke einreichen.
5. bis 8. Dezember, Berlin – Das Haus für Poesie Berlin veranstaltet seit 2002 das Festival des Lyrikfilms. Die Veranstaltung versteht sich als internationale Plattform für Kurzfilme, die auf Gedichten basieren. Im Kino der Kulturbrauerei ist erstmals der aktuelle Poesiefilm aus Deutschland Zentrum des Progamms. Ein Länderfokus liegt zudem auf dem Poesiefilmschaffen aus dem Vereinigten Königreich.
29. November bis 7. Dezember, Marrakesch – Festivaltypisch wartet die 18. Ausgabe des Filmfests in Nordafrika mit enormer Prominenz auf. Jurypräsidentin ist Tilda Swinton, Stargast Robert Redford. Der sehr international ausgelegte Wettbewerb umfasst 14 Filme aus unterschiedlichsten Teilen der Welt mit einem Fokus auf Erstlings- oder Zweitlingswerken. Der Länderschwerpunkt liegt auf Australien.
28. November bis 13. Dezember, Berlin – Passend zur Ausstellung »Wilhelm und Alexander von Humboldt« im Deutschen Historischen Museum kuratiert das Zeughauskino ein Filmprogramm, das sich implizit wie explizit auf das Wirken des Forschers Alexanders von Humboldt bezieht. Den Anfang macht Werner Herzogs Kultfilm »Aguirre, der Zorn Gottes«. In »Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht« von Edgar Reitz spielt Herzog sogar selbst kurz den Humboldt. In Rainer Simons Biopic »Die Besteigung des Chimborazo« wird er von Jan Josef Liefers dargestellt.
25. November bis 1. Dezember, Berlin – In der 15. Ausgabe findet die Filmwoche im Delphi LUX und im Filmtheater des Russischen Hauses in Berlin statt. Zwölf aktuelle Filme aus der föderalen Republik sind im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen, Filmgespräche schließen sich an. Mit dabei sind der russische Oscarbeitrag »Bohnenstange«, der in Cannes den Regie- sowie den FIPRESCI-Preis gewinnen konnte, und der Berlinale-Beitrag »Ein russischer Junge«.
Der Film folgt als »tropisches Melodrama« dem Schicksal zweier Schwestern im Rio de Janeiro der 50er Jahre. Dank gekonnter Inszenierung und exzellenter Hauptdarstellerinnen entsteht ein nahezu perfekter Genreeintrag, der eine überzeugende Balance zwischen Drastik und Ambivalenz findet
am So., den 15.12. in Frankfurt am Main – epd-Film-Autor Ulrich Sonnenschein spricht mit Regisseurin Mariko Minoguchi über ihren neuen Film »Mein Ende. Dein Anfang«

Thema

Unsere "steile These" des Monats Dezember
Das Team von »Ziemlich beste Freunde« hat wieder zugeschlagen und mit »Alles außer gewöhnlich« einen neuen herzerwärmenden Kassenhit geliefert. Warum funktionieren französische Sozialkomödien so gut?
Ihr aktueller Film ist ein großer Publikumserfolg in Frankreich. Und überhaupt scheint Fanny Ardant sich ständig neue Karriereperspektiven und Rollen zu erschließen
Robert Pattinson beweist, dass Franchises keine Kreativitätskiller sein müssen. Der »Twilight«-Star hat sich im Arthouse-Kino etabliert. Jetzt ist er mit Willem Dafoe in dem psychologischen Horrorfilm »Der Leuchtturm« zu sehen
Was von »Star Wars« übrig bleibt. Spinn-offs wird es immer geben. Aber die Ur-Triologie geht in die letzte Runde. Ein Resümee

Meldung

Ziemlich knapp – 4 : 3 – endete das traditionelle und legendäre Fußballspiel bei den Hofer Filmtagen, die sich in den letzten Jahren dem deutschen Independent-Film verschrieben haben
Das Filmland Island war bei den Nordischen Filmtagen Lübeck wieder einmal gut vertreten – und »Weißer weißer Tag« von Hlynur Pålmason gewann den Hauptpreis
Die Hauptstadt von Aserbaidschan hat seit 2017 ein internationales Dokumentarfilmfestival. In diesem Jahr liefen auf der DokuBaku 38 Arbeiten – die auch Einblick in die regionale Produktion gaben
Nach der Pensionierung von Werner Ruzicka fand die dem Dokumentarfilm gewidmete Duisburger Filmwoche in ihrer 43. Ausgabe erstmals mit einer Doppelspitze statt: Gudrun Sommer und Christian Koch

Filmkritik

Ein Dokumentarfilm, der mit besonderer Aufnahmetechnik das Wasser zur Hauptfigur macht und es sprechen lässt, ohne viel zu sagen. Hier werden Bilder zur persönlichen Erfahrung: »Aquarela«
Ein satirischer Streifzug durch verschiedene Stationen eines hyper-patriarchalen Italien, der auch gut als Vergrößerungsglas auf die Geschlechterverhälnisse anderswo in Europa funktioniert: »Dicktatorship«
Mit unveröffentlichten Videoaufnahmen aus dem Privatleben des Ausnahmetenors Luciano Pavarotti inszenierte Ron Howard einen Hochglanz-Bilderbogen, der nicht hinter die Kulissen des Musikgeschäfts schaut
In dieser konventionell inszenierten Adaption wird anhand der Suche eines Literaturkritikers nach einem Autor auf amüsante Weise Aspekte rund um die Beziehung zwischen Buch und Leser abgehandelt: »Der geheime Roman des Monsieur Pick«
Die Lebensgeschichte des »Hofmohr« Angelo Soliman im Wien des 18. Jahrhunderts als artifizielles Kostümdrama und zugleich hochaktuelle, gesellschaftspolitische Reflektion über Identität und Alltagsrassismus. Smart und sinnlich
Eine Hommage an den Noir-Film und ein reales Stück Stadtgeschichte New Yorks: Edward Norton wird in seiner zweiten Regiearbeit »Motherless Brooklyn« keiner Seite wirklich gerecht, kann aber mit Schauspielstar-Power auftrumpfen
Überzeugender Debütfilm über eine islamistisch motivierte Flugzeugentführung
Neele Leana Vollmars Verfilmung des Bestsellers »Auerhaus« über eine WG von sechs Jugendlichen überzeugt durch ihre Lakonie, tolle junge Darsteller und viel Atmosphäre. Der Rücksturz in die Achtziger ist garantiert
Eine chinesische Familie verschweigt der Großmutter, dass sie sterbenskrank ist. Basierend auf eigenen Erlebnissen porträtiert Lulu Wang einen familiären Abschied. »The Farewell« ist eine tonnenschwere, federleichte, bitterschöne Tragikomödie
New York sah noch nie so gut aus wie in Allens starbesetzem neuem Liebesfilm, in dem er seine bekannten Themen variiert, wobei jedoch wegen seines abgestandenen Frauenbilds leider kein rechter Spaß aufkommen will
Brave Kinoadaption einer wahren Geschichte über vier Stripclub-Arbeiterinnen, die im Zuge der Finanzkrise kriminell kreativ werden müssen, weil sie ihre bestens zahlende Banker-Kundschaft von der Wall Street verlieren. »Hustlers« setzt in der Regie von Lorene Scafaria auf Glamour und Sexyness im Tabloid-Format. Jennifer Lopez präsentiert in der Rolle des Masterminds Ramona bruchlos vor allem ihr Star-Image: attraktiv, alterslos und charakterlich irgendwie in Ordnung
Ein Kommissar verhört einen Verdächtigen eine ganze Nacht lang und lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. In Quentin Dupieux' Händen bekommt diese klassische Krimisituation komödiantische Züge, wobei der französische Filmemacher auf eine kafkaeske Komik und damit auf ein Lachen setzt, das zur Waffe gegen die Absurdität des Lebens wird
Als Heiratsschwindler-Schwank ist Bill Condons Film zu wenig amüsant, als Rachethriller zu wenig spannend. Wirklich überzeugend ist an »The Good Liar – Das alte Böse« eigentlich nur die Besetzung der Hauptrollen. Denn Helen Mirren und Ian McKellen zuzusehen ist immer ein großes Vergnügen, selbst wenn sie eigentlich eine überzeugendere und weniger überfrachtete Geschichte verdient hätten
Drei Szenegrößen der einstigen Ostberliner Subkultur zeigen, was sie seit 1989 aus ihrem Leben gemacht haben. Sven Marquards Fotografie kopiert heute erfolgreich die exaltierten Posen ihrer verschworenen Modetheatergruppe, Robert Paris sieht seine Berlin-Bilder nur noch historisch, die Muse und Überlebenskünstlerin Dominique Hollenstein feiert als Schmuckproduzentin Schönheit und Gelassenheit. Ein nostalgisches Porträt von Annekatrin Hendel
Bruno Dumont schaffte ein wüstes, jegliche Form von Perfektion verweigerndes Pop-Musical, das einen zwingt, seine Vorstellungen über Jeanne d'Arc und ihre Darstellung im Kino radikal zu überdenken
Nach Jahren des Rechtsstreits kommen nun endlich Sydney Pollacks Aufnahmen des legendären Gospel-Konzerts von Aretha Franklin in die Kinos. Alan Elliott hat daraus ein mitreißendes Dokument musikalischer und religiöser Verzückung montiert, in dessen Verlauf die Sängerin und ihr Publikum (darunter Mick Jagger und Charlie Watts) immer furioser verschmelzen
Das modern-märchenhafte Roadmovie »The Peanut Butter Falcon« über einen raubeinigen Fischer und einen Mann mit Down Syndrom besticht durch hervorragende Darsteller und die atmosphärische Inszenierung, verspielt aber durch die allzu brave Dramaturgie sein Potential
Extrem konstruiert lässt die dänische Regisseurin und Drehbuchautorin Lone Scherfig (»Italienisch für Anfänger«) im winterlichen New York Menschen mit unterschiedlichen Problemen zusammenfinden, die noch dazu auf überwiegend gute Menschen treffen. Eine Schmonzette, die selbst für die Weihnachtszeit zu schnulzig ist
Die surreale Entstehungsgeschichte von Luis Buñuels Dokufiktion »Land ohne Brot« konsequent als Animationsfilm inszeniert, der sehr gelungen Weltsicht und Arbeitsweise des spanischen Exzentrikers widerspiegelt
Anthony Hopkins und Jonathan Pryce als zwei gegensätzliche Päpste, der eine am Ende seiner Amtszeit, der andere am Anfang. Fernando Meirelles entwirft großartige Bilder und Szenen, Anthony McCarten liefert die geistreichen und hochamüsanten Dialoge. Ein großer Spaß
Cédric Klapisch variiert das Thema »Menschen in der Großstadt« in prosaischer Form, indem er sein zukünftiges Paar erst durch Einzelthearpien schickt. Dem Zauber der Geschichte nimmt das aber nichts
Gerade aus dem Gefängnis entlassen, träumt die junge Sängerin Rose-Lynn (großartig: Jessie Buckley) in Glasgow von einer Karriere als Country-Star im fernen Nashville. Das stößt bei ihrer Familie auf Unverständnis. »Wild Rose« begeistert sowohl als Musikfilm mit grandiosem Soundtrack und als fein beobachteter Familienfilm in bester britischer »Kitchen Sink«-Tradition
Der Film folgt als »tropisches Melodrama« dem Schicksal zweier Schwestern im Rio de Janeiro der 50er Jahre. Dank gekonnter Inszenierung und exzellenter Hauptdarstellerinnen entsteht ein nahezu perfekter Genreeintrag, der eine überzeugende Balance zwischen Drastik und Ambivalenz findet: »Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão«
Der Film folgt den drogenumnebelten Partyexzessen einer Berliner Mädchengruppe kurz vor dem Abitur. Die vier zentralen Laiendarstellerinnen sind grandios, vermögen aber nicht über die komplette Abwesenheit einer Handlung und den fragwürdigen Voyeurismus des Films hinwegzutäuschen: »Yung«
Das Regieduo Eric Toledano und Olivier Nakache sind seit »Ziemlich beste Freunde« als Meister der hintergründigen Gesellschaftskomödie bekannt. Ihr neuer Film zeigt, dass ihr Blockbuster nur ein Probelauf war: In Gesellschaft ihrer Figuren empfindet man ein Hochgefühl, das so belastbar ist, dass man es auch ins wahre Leben mitnehmen kann
In raffinierten Zeitschleifen erzählte Geschichte um einen Schicksalsschlag und eine ideale Beziehung jenseits aller Klischees. Und ganz nebenbei auch ein Spiel mit dem Verlauf der Lebenszeit: »Mein Ende. Dein Anfang.«
Zwei Männer, ein Leuchtturm, Einsamkeit und Wahnsinn: Robert Eggers' atmosphärisches Kammerspiel verbindet Motive des Gruselkinos, des metaphysischen Melodrams und der Komödie zu einem eigenwilligen, kaum klassifizierbaren Filmwerk. Eine Liga für sich: die beiden Darsteller
Daniel Auteuil begibt sich als frustrierter Rentner und Ehemann auf Zeitreise: zu genau jenem Tag, an dem er seine spätere Frau kennenlernte. »La Belle Époque« ist temporeich erzählt, sehr zum Nachdenken über das Wesen der Erinnerung anregend und leider eine Spur zu gefällig
In der Fortsetzung des oscar-prämierten Animationshits von 2013 führen die Filmemacher Chris Buck und Jennifer Lee ihre Geschichte nicht nur fort, sondern steigen tiefer ein in die dunklen Geheimnisse von Elsas und Annas Familiengeschichte. Das Ergebnis ist wieder eine sowohl witzige als auch ziemlich kluge Kinounterhaltung für die ganze Familie
Ein melancholischer Blick zurück aufs Lebenswerk, nicht nur vom Mafia-Ausputzer Frank Sheeran, sondern auch von Regisseur Martin Scorsese. Noch einmal hat Scorsese viele seiner Filmgefährten um sich versammelt, Robert De Niro, Joe Pesci, Harvey Keitel, dazu zum ersten Mal Al Pacino als Jimmy Hoffa. Statt auf die nervöse Energie der Gewalt setzt er jetzt eher auf die kontemplativen Zwischenräume, den Alltag eines Wortwechsels im Auto oder die Auswirkungen des Mafialebens auf Familiengeschichten
Roland Emmerichs Epos um die Entscheidungsschlacht im Pazifikkrieg 1942 ist ein Loblied auf tapfere Flieger und clevere Offiziere. In den CGI-Gewittern geht Charakterzeichnung mitunter verloren

Film

Jam