Kritik zu Wolfsbrüder

© Polyband

2010
Original-Titel: 
Entrelobos
Filmstart in Deutschland: 
07.06.2012
L: 
107 Min
FSK: 
6

Der Fall Marcos Rodríguez Pantoja gehört zu den wenigen dokumentierten Geschichten eines »Wolfsjungen«. Der spanische Regisseur Gerardo Olivares verwandelt den Stoff in einen Spielfilm

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Gerade einmal sieben Jahre alt ist Marcos (Manuel Camacho), als der Vater ihn an den Großgrundbesitzer verkauft, um seineSchulden zu begleichen. In den ländlichen Regionen Spaniens war dies während der 50er Jahre noch eine durchaus gängige Praxis. Der Patron schickt den Jungen als Ziegenhirten in das »Tal der Stille« tief in den Bergen der Sierra Morena. Vollkommen abgeschieden von der Zivilisation lebt dort der alte Atanasio (Sancho Gracia) in einer Höhle und soll nun den Siebenjährigen ins Hirtenhandwerk und vor allem ins Überleben in der Wildnis einweisen.

Der Einsiedler redet nicht viel. Abends wirft er Marcos ein totes Kaninchen vor die Füße. Vergeblich versucht der Kleine ohne Messer, das pelzige Tier in einen essbaren Braten zu verwandeln. Aber schon bald findet Atanasio Gefallen an seinem neuen Mitbewohner und zeigt ihm, wie man Fische im Bach angelt, Fallen für Vögel aufstellt, Verletzungen mit Kräuterumschlägen heilt und sich mit den Wölfen gutstellt, die im Tal ihr Jagdrevier haben. Aber dann wird der alte Mann krank und stirbt, und der Junge ist auf sich allein gestellt. Als die Jagderfolge sich nicht einstellen wollen und Marcos kurz vor dem Verhungern ist, legt ihm einer der Wölfe ein Stück Fleisch vor die Höhle. Fortan lebt der Junge, der sich vor den Häschern des Großgrundbesitzers flüchtet, mit Unterstützung der Wölfe allein in der Wildnis.

Wolfsbrüder des spanischen Regisseurs Gerardo Olivares beruht auf wahren Begebenheiten. Zwölf Jahre lebte Marcos Rodríguez Pantoja – vom Kindes- bis zum Mannesalter – allein mit den Wölfen in den Bergen der Sierra Morena. Er bezeichnet die Zeit als die glücklichste in seinem Leben. Mit dem Dasein in der Zivilisation ist er nie wirklich zurechtgekommen, aber davon erzählt Wolfsbrüder nicht. Denn anders als Truffauts Der Wolfsjunge (1970) ist dies nicht die Geschichte einer Wiedereingliederung eines verwilderten Menschen ins gesellschaftliche Normgefüge. Vielmehr konzentriert sich Olivares auf den Prozess der Aufnahme des Menschenkindes in die freie Natur. Der Film mischt sehr überzeugend naturdokumentarische Aufnahmen mit Spielfilmelementen, auch wenn die Dramaturgie der Geschichte dabei recht überschaubar bleibt. Dem Alltag des Überlebens in der Wildnis wird breiter Raum eingeräumt, und gerade aus der detaillierten Darstellung von Jagd- und Survivaltechniken bezieht der Film seine Grundspannung. Die Tier- und Naturaufnahmen von Joaquín Gutiérrez Acha holen zu atemberaubenden Landschaftspanoramen aus und versenken sich wenig später in die unterirdischen Gänge eines Kaninchenbaus. Der junge Manuel Camacho, der den Film zu einem großen Teil auf seinen schmalen Schultern trägt, entwickelt in der dialogarmen Rolle eine außerordentliche Leinwandpräsenz. Olivares hätte gut daran getan, seinem Hauptdarsteller und der visuellen Kraft seiner Bilder zu vertrauen. Leider jedoch kippt der deutsche Erfolgskomponist Klaus Badelt eine Musiksoße über das Naturdrama, die dem Publikum penetrant seine Emotionen vorschreibt, während auf der Bildebene die Freiheit der Wildnis zelebriert wird.

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