Kritik zu Wir

© Universal Pictures

Jordan Peele erweitert nach seinem Erfolgsfilm »Get Out« erneut das Horrorgenre für eine Grundsatzkritik an der amerikanischen Gesellschaft

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Alles beginnt mit einer Reihe von Einblendungen. Texttafeln informieren darüber, dass unter den Vereinigten Staaten ein riesiges Tunnelsystem existiert. Aufgegebene U-Bahn-Schächte und verlassene Minenstollen machen dabei nur einen kleinen Teil des gigantischen Netzwerks aus. Wofür die übrigen Tunnel angelegt wurden, bleibt erst einmal rätselhaft. Die verstörende Erfahrung, die ein Mädchen namens Adelaide im Sommer 1986 in einem Vergnügungspark am Strand von Santa Cruz macht, ist ein weiteres Rätsel. In einem Spiegelkabinett, das seinen Besuchern verspricht, dass sie sich in ihm selbst finden werden, begegnet Adelaide einem Mädchen, das fast genauso aussieht wie sie. Danach ist erst einmal nichts wie zuvor. Sie spricht nicht mehr, und keiner weiß, was wirklich geschehen ist. Selbst gut 30 Jahre später, als die nun von Lupita Nyong'o gespielte Adelaide mit ihrem Mann Gabe Wilson und ihren beiden Kindern Zora und Jason für einen Sommerurlaub nach Santa Cruz zurückkehrt, erfüllt sie noch ein unbestimmtes Grauen. Der verdrängte Schrecken bricht sich schließlich Bahn, als eines Abends eine vierköpfige Familie in der Auffahrt der Wilsons steht und sich als deren Doppelgänger entpuppt.

Wie schon bei seinem Debüt »Get Out« bricht Jordan Peele auch in »Wir«, seinem zweiten satirischen Horrorfilm, die Grenzen des Genres auf. Auf der einen Seite verweist er auf die Geschichte des Horrorkinos, die fest in seinen amerikanischen Alptraumkosmos eingeschrieben ist. So erinnert der 1986 spielende Prolog nicht zufällig an die Filme eben jener Jahre. Die Bilder beschwören eine vergangene Epoche herauf, die im Rückblick fast etwas Idyllisches hat. Reagans Politik wirkt angesichts der heutigen Entwicklungen längst nicht mehr so zerstörerisch. Und genau deswegen muss die Geschichte von Adelaide und ihrem Double auch in den 80ern beginnen. Schließlich geht es Peele um die Wurzeln der mittlerweile kaum noch zu überbrückenden Spaltung der Vereinigten Staaten und darum, dass für das Glück der gut situierten Mittelschicht andere den Preis bezahlen.

Auf die 80er-Jahre-Reminiszenz folgt erst einmal ein typischer Home-Invasion-Thriller, der sich aber bald zur apokalyptischen Bedrohung weitet. Mit jeder Wendung ändert sich die Richtung des Films, der wie wild zu wuchern scheint. Diese Offenheit, die mit einer formalen Brillanz der Inszenierung einhergeht und von einer erschütternden Doppel-Performance Lupita Nyong'os getragen wird, hat ohne Zweifel ihren Reiz. Jordan Peele vermeidet so vorgeformte Antworten und provoziert das Publikum zu eigenen Reaktionen. Allerdings treibt er die Offenheit und den Regelbruch in »Wir« anders als noch in »Get Out« zu weit. Die Andeutungen, die er macht, widersprechen sich fast und weiten sich eben nicht zu einem schlüssigen Kommentar zu den gegenwärtigen Verhältnissen in den Vereinigten Staaten. Wenn Adelaides Doppelgängerin auf die Frage, wer sie sind, »Wir sind Amerikaner«, antwortet, dann sagt das alles und nichts.

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