Kritik zu White Shadow

© Temperclayfilm

Der israelische Filmemacher Noaz Deshe erzählt in seinem Debütfilm von einem jungen Albino in Tansania, der sich vor möglichen Mördern verbergen muss, die es auf seine vermeintlich magischen Körperteile abgesehen haben

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In Genrefilmen ist ihnen im Allgemeinen die Schurkenrolle zugeschrieben: Menschen, die an Albinismus leiden, einer angeborenen Pigmentstörung, aus der eine hellere Haut-, Haar- und Augenfarbe resultiert. Dass Albinos aufgrund ihres Aussehens in die Außenseiterrolle gedrängt werden, ist leicht verständlich; dass sie systematisch verfolgt werden, dürfte den wenigsten bekannt sein. Dies ist der Fall in Ostafrika – in Tansania oder Kenia – und im Kongo. Albinos werden magische Kräfte zugeschrieben, was dazu führt, dass sie von Banden ermordet oder dass ihre Körper verstümmelt werden. Seit 2000 wurden allein in Tansania 73 solcher Morde bekannt. Das ist der Hintergrund von »White Shadow«.

Bei einer nächtlichen Attacke wird der Vater von Alias – sie sind beide Albinos – getötet, von einer organisierten Bande mit Macheten zerhackt. Ein Auftragsmord gewissermaßen, denn für ein »Albinoherz« erhalten die Mörder 5000 Dollar von einem Schamanen, der dessen angebliche Heilkräfte gewinnbringend vermarkten will. In Sorge um das Leben ihres Sohnes gibt Alias' Mutter ihn daraufhin in die Obhut ihres Bruders Kosmos. Der nimmt ihn mit in die Großstadt, wo ihm der Junge beim Straßenverkauf zur Hand gehen soll. Alias tarnt sich mit Kapuze und Sonnenbrille und saugt die neuen Eindrücke in sich auf. Ein befremdlicher Moment ist es, wenn Kinder eine Fantasieflagge mit dem Porträt von Barack Obama küssen und im nächsten Moment Alias vertreiben. Die Stadt erscheint als ein Ort der Geschäfte, auf einer Müllkippe klaubt Alias Computertastaturen heraus und verkauft sie.

Die Müllkippe ist auch der Ort für eine der schönsten Szenen, wenn Alias zuerst seine Funde lauthals anpreist wie bei einer Auktion und dann seiner neben ihm stehenden Cousine in einem fiktiven Handytelefonat eine Liebeserklärung macht. Das sieht deren Vater, Onkel Kosmos, gar nicht gern. Seine Geschäfte gehen schlecht, schon bald wird er von einem Geldverleiher bedroht, der ihm ein Ultimatum setzt – andernfalls will er seinen Kleintransporter beschlagnahmen. Und auch Alias sieht sich erneut verfolgt. Die sepiagetönten Momente des Zusammenseins mit seinem jüngeren Albinofreund Salum erscheinen zunehmend unwirklich, Realität und (Alp-)Traum vermischen sich. Am Ende setzt Alias ein mutiges Zeichen und muss trotzdem seinen Weg alleine fortsetzen.

»White Shadow« ist der Debütfilm des israelischen Filmemachers Noaz Deshe, seit seiner Premiere in Venedig im Herbst 2013 (Bester Erstlingsfilm) auf zahlreichen weiteren Festivals ausgezeichnet. Wer sich über den Namen von Ryan Gosling als Executive Producer wundert, findet im Web die Antwort: Deshe, ein Multimediakünstler, der hier auch für Buch, Kamera, Schnitt und Musik mitverantwortlich zeichnet, trat im Vorprogramm von Goslings Band auf. Die in Tansania gedrehte deutsch-italienische Koproduktion ist ein Film, der jede Aufmerksamkeit verdient hat.

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White Shadow ist ein außergewöhnlicher Film, den man nicht verpassen sollte. Der Kritiker trifft es dabei haargenau: "Ein Film, der jede Aufmerksamkeit verdient."

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