Kritik zu Vulva 3.0. - Zwischen Tabu und Tuning

© Delphi

2014
Original-Titel: 
Vulva 3.0
Filmstart in Deutschland: 
02.10.2014
L: 
78 Min
FSK: 
16

Der neueste Trend ist die Intimchirurgie: Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann widmen ihren kulturwissenschaftlichen Essayfilm dem weiblichen Geschlechtsorgan

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Empfindliche Gemüter dürften schon in den ersten Einstellungen Angst kriegen, wenn eine Ärztin mit hartem Gerät im weiblichen Genital herumagiert. Doch­ ­davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann beschäftigt eher die kulturelle Dimension der äußeren weiblichen Genital- und Lustorgane, die in den meisten Teilen der Welt trotz Jahrzehnten feministischer Bemühungen immer noch abgewertet und den Fortpflanzungsorganen untergeordnet werden. Wer weiß schon, dass sich die Vulva mit gewaltigen Schwellkörpern weit in die Beckenzonen ausdehnt? Zufall ist solche Unkenntnis nicht: Denn im allgemeinen Bewusstsein wird das weibliche Geschlecht meist auf die Öffnung reduziert und die bei erotischen Fotos sichtbaren Schamlippen werden als unästhetischer Störfaktor wegretuschiert.

Gegen solche Verzerrungen und Tabus will Claudia Gehrke mit ihrem im 28ten Jahr erscheinenden erotischen Jahrbuch »Mein heimliches Auge« agieren. Die Feministin und PorYes-Aktivistin Laura Méritt (»Ich bin möseal konzipiert«) sammelt plastische Darstellungen von Vulven. Neben solchen Kämpferinnen treten in diesem klassisch gebauten Dokumentarfilm mit sparsamem Musikeinsatz, vielen historischen Bildern und einer unaufdringlichen Montage Sexualwissenschaftler und -beraterinnen auf, Forscherinnen und die üblichen Experten. Und die Ärztin vom Anfang bekommt auch noch einmal einen Auftritt. Normen für das weibliche Genital hat es immer wieder gegeben. So wurde im 19. Jahrhundert in Deutschland beschnitten, um der Masturbation vorzubeugen. Der neueste Trend ist die sogenannte Intimchirurgie: Schönheitsoperationen an den Schamlippen, um dem medial vermittelten normierten Bild zu entsprechen. Von der bekämpften Beschneidungspraxis unterscheidet sie nur die freiwillige Motivation und die saubere medizinische Durchführung, die zum Schluss bei einer gynäkologischen Fachtagung recht ausführlich durchexerziert wird. Zum Glück nur verbal, das Bild ist künstlich verwischt.

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