Kritik zu Vox Lux

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Brady Corbet wirft in seiner zweiten Regiearbeit nach »The Childhood of a leader« mit Natalie Portman in der Hauptrolle einen düsteren Blick in die Untiefen der Popindustrie

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Popstars als Protagonisten haben im Kino derzeit Konjunktur. Das mag ökonomisch betrachtet daran liegen, dass Filmemacher damit große Fanscharen berühmter Künstler wie Queen (»Bohemian Rhapsody«) und Elton John (»Rocketman«) mobilisieren können, sicher auch an der an Instagram geschulten Faszination am Blick hinter die Kulissen des Ruhms. Der zweite Spielfilm des amerikanischen Regisseurs Brady Corbet, »Vox Lux«, legt aber auch noch eine andere Deutung des Phänomens nahe. Anhand der Figur des Popstars lassen sich brisante gesellschaftliche Themen gezielt zuspitzen: der Kampf mit Abhängigkeit und psychischer Krankheit, die Akzeptanz nicht-heteronormativer sexueller Identitäten und, in diesem Fall, der Umgang mit Traumata und dem gesellschaftlichen Druck, diese produktiv zu verarbeiten.

»Vox Lux« erzählt die »origin story« seines fiktiven Popstars Celeste nach dem Motiv »Phoenix aus der Asche«: Als eine der wenigen Überlebenden eines Amoklaufs an einer amerikanischen Highschool tritt die junge Albertine – zunächst gespielt von Raffey Cassidy, als Erwachsene von Natalie Portman – beim folgenden Gedenkgottesdienst gemeinsam mit ihrer Schwester Eleanor (Stacy Martin aus »Nymphomaniac«) als musikalisches Duo auf. Der gefühlvolle Song der Schwestern wird von den trauernden Angehörigen gefilmt, in sozialen Medien geteilt und avanciert so prompt zum viralen Megahit. Dann geht alles ganz schnell: Eine hippe Plattenfirma nimmt die beiden Teenager unter Vertrag, Albertine ändert ihren Namen in Celeste, ein erfahrener Manager (Jude Law) wird engagiert und schon geht es zur Aufnahme des Debütalbums nach Schweden.

Corbet inszeniert diese Anfangsphase brillant als neoliberalen Fiebertraum mit bitter-ironischem Unterton: Aus der Erfahrung extremer Gewalt im Klassenzimmer wird flugs Kapital geschlagen und gewinnbringend ein popkulturelles Image konstruiert. Der Zynismus des Films richtet sich dabei nicht gegen seine Protagonistin, sondern gegen das Zusammenspiel aus öffentlicher Erwartung und gezieltem Marketing: Das Trauma der jungen Frau soll medial konsumierbar und, so die implizite Annahme, damit auch gefälligst überwunden werden. Ein abrupter Schnitt, der uns einige Jahre voraus und mitten in das Superstarleben der erwachsenen Celeste führt, straft diese Erwartungen allerdings Lügen: Aus dem selbstbewussten Mädchen ist eine zwar weltweit gefeierte, aber drogenabhängige und emotional fragile Künstlerin geworden, die immer wieder mit gewalttätigen Ausbrüchen Skandale verursacht.

Es ist schade, dass Regisseur und Autor Corbet seine innovative Story inszenatorisch komplett überlädt: ein unnötiger Voice-over (im Original von Willem Dafoe gesprochen), Zwischentitel und schnitttechnische Spielereien lenken von den schauspielerischen Glanzleistungen und nicht zuletzt von den tollen Songs ab. Dennoch überzeugt »Vox Lux« als düsterer Blick in die Untiefen der Popindustrie und zugleich als Reflexion über kreative Widerstandskraft.

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