Kritik zu Video Vertov

© Basis Filmverleih

2012
Original-Titel: 
Video Vertov – Ein Leben zwischen Liebe und Revolution
Filmstart in Deutschland: 
17.10.2013
L: 
88 Min
FSK: 
6

Der Videopionier Gerd Conradt, der seit den Studentenprotesten der sechziger Jahre Filme dreht, sein Vorbild ist Dziga Vertov, erinnert sich an Episoden seines politischen und persönlichen Lebens. Ein spannendes Zeitdokument

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)
Ich wollte zum Film, der Mann mit der Kamera werden.« 1973 bis 1984 drehte Gerd Conradt den Film Der Videopionier, mit dem er diesen Wunsch zum ersten Mal richtig verwirklichen konnte. Zehn Jahre lang hatte er den Kampf einer Mieterinitiative am Klausener Platz in Berlin mit der Kamera begleitet, sein Film darüber war zugleich ein Bericht über die rasche Professionalisierung der Video­technik in diesem Zeitraum. Conradts Vorbild war der sowjetische Regisseur Dziga Vertov, vor allem dessen Film Der Mann mit der Kamera von 1929. Conradt zog sogar Vertovs Berufskleidung an, einen praktisch-modischen Kittel. In seinem neuen Film Video Vertov zieht er eine Bilanz seiner Arbeit als Filmmemacher, aber auch seiner politischen Aktivitäten und seines persönlichen Lebens, diese drei Bereiche sind nicht voneinander zu trennen.
 
Conradt ist 1941 geboren, er wuchs zunächst in der DDR auf, haute aber mit 14 Jahren nach Westberlin ab. Er gehörte 1966 zum ersten Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb), er erlebte wie fast alle Studenten seine Politisierung in den Jahren 1967/68, mit dem Schah-Besuch in Westberlin, dem Tod von Benno Ohnesorg, den heftigen Protesten gegen den Springer-Verlag, dem Suchen nach einer lebenswerteren Gesellschaft. Seine Kommilitonen Holger Meins (über den er zwei Filme drehte) und Philip Werner Sauber, mit denen er befreundet war, entschieden sich für die Illegalität (siehe Ulrike Edschmids Roman über Philip S., epd Film 7/13, S. 61). Conradt, immer wieder hin und her gerissen zwischen der Überzeugung, dass der politische Kampf nötig sei, und der Sehnsucht nach Liebe, Familie und Kunst, entschied sich für das Leben. Aber die Konflikte und Auseinandersetzungen begleiteten ihn auch weiterhin. Von ihnen erzählt Conradt in Video Vertov. Er nennt diesen Film eine Geschichte für seinen sechsjährigen Enkel, geradezu ein Tes­tament.
 
Aber es ist auch ein Film für jeden interessierten Zuschauer, denn er erzählt eine sehr typische Westberliner Biografie. Conradt hat reiches, meist selbst gedrehtes Filmmaterial von den Demonstrationen und Straßenschlachten der Jahre 67/68, und er zeigt seine erste große Liebesgeschichte mit Lena und filmt die Geburt der Tochter Alfa. Er ist fasziniert von Rom und Fellinis La dolce vita, und er muss erleben, dass sich Lena umbringt. Er sucht den Sinn des Lebens bei dem amerikanischen Bioenergetiker Alexander Lowen und in der dynamischen Meditation im indischen Ashram. Die Kamera ist immer dabei.
 
Immer wieder Brüche in der Biografie, kein Ergebnis. Klar wird: Die Suche ist das Ergebnis. Der in Video Vertov zitierte Kurzfilm Farbtest – Rote Fahne bringt mit seiner Vieldeutigkeit Conradts Leben auf den Begriff: 1968 läuft in Berlin ein junger Mann mit einer roten Fahne durch menschenleere Straßen. Nach jeweils 30 oder 40 Metern wird der Fahnenträger abgelöst. Der Film fand Eingang in die Kunstszene bis hin zur Biennale in Venedig. Conradt drehte Varianten des Staffellaufs in Stockholm, Hongkong und Venedig. Was bedeutet ihm diese Farbe? Conradt im Presseheft: Rot sei die Farbe der Könige und des Kommunismus, der Gefahr und der Freude, der Liebe und des Hasses.

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