Kritik zu Vater – Otac

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Srdan Golubović schildert den Leidensweg eines Vaters, der einen 300 Kilometer langen Fußweg auf sich nimmt, um auf das Unrecht aufmerksam zu machen, das ihm widerfahren ist. Hauptdarsteller Goran Bogdan ist für den europäischen Filmpreis nominiert 

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Das Kino ist die Heimat der Helden. Wie oft wurde schon von Männern erzählt, denen alles genommen wird, Frauen, Kinder, die Existenzgrundlage,  und die dann »zurückkommen«. Alejandro González Iñárritu hat eine solche Geschichte in »The Revenant« mit einem am Rande des Exzesses aufspielenden Leonardo DiCaprio in eine kinematografisch-existenzialistische Orgie verpackt. War es dort das Spektakel, die »Lautstärke«, die den Film zu einem intensiven Erlebnis machte, lebt »Otac« von der Ruhe. Der serbische Regisseur Srdan Golubović erzählt die ebenfalls von einer wahren Begebenheit inspirierte Geschichte eines Vaters als vor Ruhe berstenden Roadtrip – ein Film, so leise wie auf den Punkt inszeniert, fotografiert in bestechenden naturalistischen Bildern (Kamera: Aleksandar Ilić). Auf der diesjährigen Berlinale wurde das Drama mit dem Panorama-Publikums-Preis und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. 

Man selbst möchte brüllen, toben. Die in Bilder gebahnte Tristesse in »Otac« ist erdrückend, alles grau in grau und kaputt. Doch Tagelöhner Nikola (Goran Bogdan) schreit und tobt nicht, obwohl er allen Grund dazu hätte. Die depressive Ehefrau steckt sich in Brand, weil die Armut so groß ist wie die Verzweiflung darüber, dass der Mann um den bitter nötigen Lohn geprellt wird; das Jugendamt entzieht ihm das Sorgerecht für die Kinder und gibt es ihm entgegen der Absprachen nicht zurück. Dass der Vater das ärmliche Haus am Rande eines kleinen serbischen Dorfes nach den Vorgaben in Schuss bringt, Strom und Wasser anschließt, interessiert den Chef der Behörde nicht. Der arbeitet nicht im Sinne der Kinder, sondern in die eigene Tasche. 

Und Nikola? Der beharrt auf sein Recht, entschlossen und mit einer stoischen Ruhe, die verblüfft. Er verabschiedet sich von seiner im Krankenhaus liegenden Frau, packt Decke, Wasserflasche und Brot in den Rucksack und macht sich mit einem Beschwerdebrief, den ein alter Kollege ihm schreibt, auf zum Ministerium für Soziales nach Belgrad. Zu Fuß, 300 Kilometer über Autobahnen, löchrige Straßen, durch heruntergekommene Dörfer und querfeldein.  

Golubović gelingt ein in jeder Hinsicht vielschichtiger Film: eine empathische Studie über eine Gesellschaft der Abgehängten, die unter den Folgen eines korrupten Systems und postsozialistischer Willkür leiden; ein düstererer Roadtrip, der mit jedem Schritt des Helden ein Land zwischen wunderschöner Natur und betonierter Verwahrlosung kartografiert. Und vor allem ein Film über einen liebenden Vater, der mit stillem Protest um seine Kinder kämpft.

Schauspieler Goran Bogdan braucht keine Worte, keine emotionalen Ausbrüche, ja nicht einmal eine extrovertierte mimische Gesichtsakrobatik, um uns verstehen zu lassen. Wir können lesen, von der Wut, der Verzweiflung und der Entschlossenheit in seinem kantigen, blassen Gesicht und der sperrigen, bestimmten Physis. Was der kroatische Schauspieler, der dem internationalen Publikum wohl am ehesten durch seine Rolle in der dritten Staffel der US-Serie »Fargo« bekannt sein dürfte, auf die Leinwand zaubert, ist große Kunst. 

Bogdan ist das Gesicht des Überlebens- und Gerechtigkeitskampfes, der ihn schließlich zum Prunkbau des Ministeriums führt. In diesem Glasklotz, vor dem Nikola campiert und weitere Aufmerksamkeit der Presse auf sich zieht, manifestiert sich der Kontrast zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land.

So düster der Blick Golubovićs auf sein Heimatland wirken mag, so viel Liebe steckt auch darin. »Otac« ist ein zutiefst humanistischer Film über einen Helden, der allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder auch die Nächstenliebe seiner Mitmenschen erfährt. Sein leise bebender Körper und die Tränen, als ihm Essen geschenkt wird, der einzige Moment emotionalen Loslassens, brennt sich auf die Netzhaut. Falsche Versprechen macht »Otac« dennoch nicht.

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