Interview mit Steven Soderbergh über seinen Film »Unsane«

Steven Soderbergh am Set zu »Unsane - Ausgeliefert (2018)

Steven Soderbergh am Set zu »Unsane - Ausgeliefert (2018). Foto: © 20th Century Fox

Mr. Soderbergh, welche Idee war im Fall von »Unsane« zuerst da: einen Thriller zu inszenieren – oder einen Film auf dem iPhone zu drehen?

Wie so häufig im Leben fügte sich da eines zum anderen. Ich hatte mich schon eine ganze Weile mit dieser Technologie beschäftigt und war mir sicher, dass ich eines Tages ausprobieren würde, damit einen Kinofilm zu drehen. Mir fehlte nur die Idee für eine passende Geschichte. Doch wie es der Zufall so wollte, meldete sich der Drehbuchautor James Greer bei mir und fragte nach Arbeit. Ich hatte gerade nichts, aber ohne dass ich bewusst darüber nachgedacht zu haben, sagte ich: wenn du einen kostengünstigen Horrorfilm schreibst, dann inszeniere ich den. Und so kam es dann auch.

Sie sind nicht der erste Regisseur, der mit einem iPhone als Kamera arbeitet. Kannten Sie zum Beispiel den Film »Tangerine L.A.« von Sean Baker?

Selbstverständlich. Ich liebe den Film! Sean hat sehr geschickt alle Vorteile genutzt, die die Arbeit mit einem so kleinen Gerät mit sich bringt, und vieles gemacht, was ohne diese Technologie vermutlich nicht nötig gewesen wäre. Aber er hat auch immer betont, dass die Entscheidung für das iPhone in seinem Fall aus Budgetgründen fiel. Ich dagegen habe mich nicht aus Notwendigkeit, sondern aus künstlerischem Interesse dafür entschieden. Trotzdem kann man sagen, dass Sean derjenige war, der den Ball ins Rollen brachte und diese Technologie für seinen Film einsetzte, ohne sie zum Gimmick zu machen. Weder bei »Tangerine L.A.« noch jetzt bei »Unsane« spielt es für die Geschichte oder den Zuschauer eine Rolle, dass mit einem iPhone gedreht wurde.

Warum eigentlich gerade dieses Smartphone?

Oh, das hatte lediglich praktische Gründe. Ich nutze das Telefon privat und bin damit und vor allem mit seiner Kamera vertraut. Mutmaßlich hätte es genauso ein Samsung Galaxy, ein Google Pixel oder ein anderes Smartphone sein können. Ich war nur zu ungeduldig, die alle erst einmal auszuprobieren. Aber es ist in jedem Fall nicht so, dass ich von Apple bezahlt worden wäre oder so.

Schon zur Weltpremiere des Films auf der Berlinale haben Sie neben den geringen Kosten die Flexibilität und die gesparte Zeit gepriesen. Doch die Arbeit mit einer Handy-Kamera muss doch auch Nachteile haben, oder?

Klar, das iPhone ist nicht in jeder Hinsicht perfekt. Die größte Schwierigkeit ist ohne Frage die Tatsache, dass die Kamera unglaublich sensibel auf Erschütterungen jeder Art reagiert. Kamerafahrten, vor allem solche, die nicht nur kurz von A nach B führen, werden damit schnell zum Problem. Ich habe mir dann mit einem stabilisierenden Rahmen, einem Stativ und einem Rollstuhl zu helfen gewusst. Aber ich bin sicher, dass sich mit etwas mehr Geduld und Geld diese Hürde noch sehr viel überzeugender nehmen lässt.

Künstlerisch haben Sie keine Einschränkung erlebt?

Nicht wirklich. Ich erinnere mich jedenfalls an nichts, was ich partout nicht drehen konnte. Je länger wir drehten, desto geübter wurde ich. Nach ein paar Tagen hatte ich den Dreh heraus, wozu sich das iPhone besonders gut eignet und was vielleicht ein bisschen komplizierter in der Umsetzung war. Sicherlich gab es auch ein paar Momente, in denen sich nicht alles so machen ließ, wie ich es gehofft hatte. Aber statt mich darüber lange zu ärgern, freute ich mich dann lieber über die anderen, unerwarteten Möglichkeiten, die sich durch diese Kamera auftaten. Diese Art des Arbeitens fand ich sehr befreiend.

Allerdings sprechen wir hier ja auch einen Film, der lediglich 1,2 Millionen Dollar gekostet hat. Einen Actionfilm oder ein aufwändiges Kostümdrama mit iPhones zu drehen, wäre vermutlich doch nicht so ohne weiteres möglich, oder?

Doch, ich habe keinen Zweifel daran, dass das möglich wäre. Optisch würde nichts verloren gehen, das habe ich bei „Unsane“ selbst gesehen. Nicht ohne Grund entschied ich mich gegen meinen ursprünglichen Plan, den Film direkt auf Netflix zu veröffentlichen. Einfach weil die Bilder so großartig aussahen, dass sie meiner Meinung nach auf die große Leinwand gehörten. Allerdings denke ich, dass für das von Ihnen angeführte Szenario erst einmal ein Umdenken stattfinden muss. Einen Film, der 35 Millionen Dollar kostet, mit einem Telefon zu drehen, für das man nur 700 Dollar hinlegen muss – das fühlt sich für die meisten einfach falsch an. Noch jedenfalls.

Macht es Ihnen als Filmemacher eigentlich gar keine Angst, dass im Grunde jeder von uns das Equipment für einen hochwertigen Film in der Hosentasche dabei hat?

Sie meinen von wegen Konkurrenz? Völliger Quatsch. Ein iPhone zu besitzen ersetzt ja nicht die Notwendigkeit, sich als Künstler entwickeln und einen Standpunkt sowie eine Vision haben zu müssen. Was nützt schließlich die beste Technik der Welt, wenn man gar nicht weiß, was genau man damit eigentlich anfangen soll. Was das iPhone aber tatsächlich mit sich bringt, ist die Möglichkeit für angehende Filmemacher, sich ausprobieren und üben zu können. Alles, was man brauchte, um Filme auf Kino-Niveau zu drehen, war teuer und als Anfänger kaum zu ergattern. Dass das heute anders ist, macht mir aber keine Angst, sondern begeistert mich viel mehr.

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