Kritik zu Side Effects

© Senator

Der neue Soderbergh könnte für lange Zeit – für immer? – sein letzter Kinofilm sein. Und er hat sich noch mal sehr ins Zeug gelegt: ein wendungsreicher Thriller um Medikamente, Macht und Manipulation

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

In mehreren Interviews hat Steven Soderbergh angekündigt, sich vom Kino zurückziehen zu wollen, unter anderem sagte er, er sei sehr erschöpft von den Mühlen der Produktionsprozesse sowie von der »Tyrannei der Narration« und wolle sich nun verstärkt der Malerei widmen. Tief erschöpft ist auch die von Rooney Mara gespielte Emily Taylor, die in Side Effects anfangs wie die Hauptfigur wirkt, bevor Jude Law als ihr Psychiater ins Zentrum des Films rückt. Emily hat mit ihrem Mann, dem Banker Martin (Channing Tatum), in Saus und Braus gelebt, bis der wegen Insiderhandels für mehrere Jahre ins Gefängnis wanderte. Das Luxusleben im Herzen des Kapitals war damit vorbei, und obwohl Martin ihr verspricht, bald werde alles wieder gut, wird ihre Depression mächtiger, je näher seine Entlassung rückt. Nach einem Suizidversuch lernt sie im Krankenhaus Dr. Jonathan Banks (Law) kennen. Die Antidepressiva, die der Psychiater ihr verschreibt, helfen ihr nicht, sie lebt weiter mit den »giftigen Nebelbänken«, die ihr Bewusstsein verdüstern. Erst als Dr. Banks ihre frühere Psychiaterin Dr. Siebert (Catherine Zeta-Jones) um Rat fragt und diese das neue Medikament Ablixa empfiehlt, scheint sich das Blatt zu wenden. Emily schöpft neue Energie und Hoffnung. Allerdings hat Ablixa die Nebenwirkung, schlafwandlerische Episoden auszulösen, und Emily begeht eines Nachts eine furchtbare Tat, an die sie sich danach nicht erinnern kann. Die nun folgende Untersuchung ihrer Schuldfähigkeit bringt auch Dr. Banks und seine Karriere in schwere Turbulenzen. Trägt er eine Mitschuld? Seine Existenz beginnt zu zerbröseln, und er ahnt, dass an dem Fall wohl einiges nicht so ist, wie es scheint.

Soderbergh und seinem Autor Scott Z. Burns gelingt es, über lange Zeit ein immer dichter werdendes, beunruhigendes Geflecht von ungelösten Fragen, Verdachtsmomenten und Intrigen zu spinnen und damit den Zuschauer gefangen zu nehmen. Ihr Thriller im Stil des Neo-Noir, mit einigen deutlichen Anklängen an Hitchcock, lässt früher oder später jeden Protagonisten in einem moralischen Zwielicht erscheinen, selbst den guten Doktor. Allesamt sind sie Getriebene in einem kalten, engen New York, dem der Film viele unvertraute Bilder entlockt. Neben der handwerklichen Brillanz, die Soderbergh hier abermals als Regisseur, Kameramann und Editor in Personalunion in Szenen von kristallklarem Timing an den Tag legt, überzeugen auch die Leistungen seiner Schauspieler, insbesondere Rooney Mara oszilliert unheimlich zwischen waidwundem Reh und Femme fatale, während Catherine Zeta-Jones als Dr. Siebert eine gefährliche Aufgeräumtheit ausstrahlt.

Doch Stil und Raffinesse treibt Soderbergh letztlich zu weit. Überambitioniert erscheinen irgendwann die immer neuen Wendungen des Plots, und die hochtourige Kunstfertigkeit zehrt die Spannung der Geschichte auf. Entfaltete zuvor die Künstlichkeit des Arrangements noch einen Reiz, der – wie in so vielen anderen Werken des Noir– auf Wahrscheinlichkeiten keine Rücksicht nehmen muss, weil der filmische Kosmos nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert, so ermüdet das Material spätestens im letzten Drittel des Films. Die immer neuen Aufforderungen, das bisher Gesehene anders zu bewerten, lassen den Blick auf die Geschichte und die Figuren erkalten.

Side Effects verspricht zunächst einige spannende Nebenwirkungen: sein Porträt einer von blindem Ehrgeiz und Gier beherrsch- Die Handlanger von»Big Pharma«: Jude Law und Catherine Zeta-Jones als Psychiaterten Gesellschaft, seine Seitenhiebe auf die Pharmalobby und deren Einfluss auf die medizinische Praxis, die satirischen Seitenhiebe auf die Glücksversprechen der Pillen, die die Ermüdeten wieder »fit« – vor allem für den mühsamen Existenzkampf im Kapitalismus– machen sollen. Ein Kleinod ist beispielsweise der eingeflochtene Werbespot für Ablixa.

Aber so elegant diese Elemente in den Film einfließen, so sang- und klanglos verlieren sie sich im Labyrinth des Plots. Und am Ende des großen Themen-Hoppings, wenn fast alle Rätsel geklärt sind, die Logik aber gelitten hat, mag sich der Zuschauer beschummelt fühlen. Die Tyrannei der Narration hat über die Bilder gesiegt. Möge der nächste Soderbergh – er kommt bestimmt – doch lieber ein wenig weniger clever sein.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns