Kritik zu Logan Lucky

© Studiocanal

2016
Original-Titel: 
Logan Lucky
Filmstart in Deutschland: 
14.09.2017
Musik: 
L: 
119 Min
FSK: 
12

Steven Soderbergh kehrt ins Kinogeschäft zurück mit einem Film, der spielerisch das Flair der »Ocean's«-Filme ins Amerika der Trump-Ära transportiert und zugleich den klassischen Verleihstrukturen Hollywoods etwas entgegensetzen möchte
 

Bewertung: 4
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Jimmy Logan hatte einmal eine traumhafte Zukunft vor sich. An seiner Highschool in West Virginia war er ein Star. Das Talent für eine Karriere im American Football hatte er ebenso wie ein Stipendium für eine namhafte Universität. Doch dann zog er sich kurz vor seiner ersten Saison am College eine schwere Verletzung zu. Der Traum von Ruhm und Reichtum war geplatzt. Seither hält Jimmy sich mit Jobs in der Baubranche geradeso über Wasser. Nur stellt Jimmys alte Sportverletzung für jeden seiner Arbeitgeber ein Versicherungsrisiko dar. Also verschweigt er sie in seinen Unterlagen, wissend, dass sich die Vorarbeiter auf den Baustellen an seinem Humpeln nicht weiter stören.

Allerdings geht diese Taktik in der Regel nur eine kurze Zeit lang auf. Als seine gegenwärtigen Bosse, die sich auf Baustellen eigentlich nur bei Presseterminen sehen lassen, zufällig von seiner Behinderung erfahren, wird Jimmy umgehend entlassen. Aber zumindest hat ihn seine Arbeit am »Charlotte Race Track«, einer berühmten NASCAR-Rennstrecke, auf eine Idee gebracht. Aufgrund unterirdischer Ausbesserungsarbeiten ist der Tresor, in dem die Tageseinnahmen der Rennstrecke landen, nicht so gesichert wie sonst üblich. Ein Einbruch wäre möglich, aber nicht mehr lange. Denn die Bauarbeiten stehen kurz vor ihrem Abschluss.

Steven Soderbergh erzählt Jimmys Vorgeschichte in »Logan Lucky« eher beiläufig und auch nur in kleinen Bruchstücken. Als sei sie nicht weiter von Bedeutung. Und auf den ersten Blick ist sie es auch nicht. Schließlich will Soderberghs neueste Regiearbeit vordergründig nichts anderes sein als eine launige Gangsterkomödie über einen komplizierten Coup, der wider alle Erwartungen gelingt. Das seinerzeit so erfolgreiche »Ocean's Eleven«-Prinzip ist allgegenwärtig. Die Mechanik der Erzählung dominiert alles andere. Alle Teilchen dieses komplexen Räderwerks müssen perfekt ineinandergreifen und sollen zudem noch überraschen. Schließlich ist das alles nur ein großer Spaß.

Wer also in diesem Film, mit dem Soderbergh zum Kino zurückkehrt, dem er im Mai 2013 so medienwirksam den Rücken gekehrt hatte, eine reine Fingerübung sehen möchte, wird sich schnell bestätigt fühlen. Das Gerüst der Erzählung ist mehr als vertraut, nicht nur aus den drei »Ocean«-Filmen. Zudem scheinen sich seine Figuren vor allem über ihre skurrilen Defekte oder ihr kurioses Auftreten zu definieren. Nicht nur der von Channing Tatum gespielte Jimmy ist ein Versehrter. Sein Bruder Clyde (Adam Driver) hat am Ende seiner zweiten Tour im Irak seine linke Hand samt Unterarm verloren. Ihr wichtigster Komplize, der Safeknacker Joe Bang (Daniel Craig), der seinem Namen alle Ehre macht, wirkt mit seiner blondierten Kurzhaarfrisur und den unzähligen Knasttätowierungen fast schon wie die Karikatur eines Berufsverbrechers, wenn auch eine überaus liebevolle. Seine beiden Brüder Fish (Jack Quaid) und Sam (Briean Gleeson) entsprechen auf den ersten Blick den überlieferten Klischees von tumben Hinterwäldlern.

Dass sich dieses Team von Amateuren an einen so aufwendigen Coup wagt, grenzt schon ans Absurde. Eigentlich kann niemand dieses Szenario ernst nehmen. Und doch ist es genau das, was Steven Soderbergh macht. Aus dem Kontrast zwischen den Unzulänglichkeiten seiner Figuren und der Perfektion, mit der er ihren kühnen Raubzug, zu dem auch ein überaus innovativer Gefängnisausbruch zählt, in Szene setzt, schlägt Soderbergh nicht nur komödiantische Funken. Er zündet auch ein regelrechtes Feuerwerk aus visuellen Gags und doppeldeutigen Dialogen. Die komödiantische Leichtigkeit, die auch schon die »Ocean«-Reihe und Teile von »Magic Mike« kennzeichnete, ist hier aber weitaus mehr als nur eine stilistische Eigenart. Sie ist die entscheidende Vo­raussetzung für ein filmpolitisches Experiment.

»Logan Lucky« wurde komplett außerhalb des Hollywoodsystems finanziert. Das nötige Geld für den Dreh und die Vermarktung stammt aus dem Vorverkauf der internationalen Verleihrechte wie sämtlicher Rechte für den Home-Entertainment-Markt. So kann Soderbergh den Film nun gänzlich unabhängig von den Studios in die amerikanischen Kinos bringen. Der Erlös aus den Kartenverkäufen auf dem US-amerikanischen Markt geht zu etwa 50 Prozent an Soderbergh und all seine Mitstreiter, die direkt an den Gewinnen beteiligt sind. Ein revolutionäres Projekt, mit dem er Hollywood in aller Deutlichkeit den Kampf ansagt. Vor diesem Hintergrund ist die Unbeschwertheit des Films, sein ständiges Augenzwinkern, das einen daran erinnert, dass neben Jimmy Logan auch sein Schöpfer einen großen Coup durchzieht, unerlässlich. Sie soll den Erfolg des Projekts sichern und zugleich eine ganz besondere Kameraderie zwischen den Filmemachern und dem Publikum herstellen. Der Betrachter im Saal ist nicht mehr nur Zuschauer, er wird zum Komplizen, der sich gemeinsam mit den Künstlern gegen das System der Traumfabrik stellt.

Jimmys Vorgeschichte ist ebenso wie die von Adam Drivers ständig zweifelndem und schwarzsehendem Clyde keineswegs ohne Bedeutung. Sie verankert diese beiden Brüder fest im Amerika der Trump-Ära. Wie John Denvers Song »Take Me Home, Country Roads«, der in zwei zentralen Momenten des Films erklingt, erzählt auch »Logan Lucky« von der Sehnsucht nach einer Welt, die verschwunden ist. So wie einst George Clooney, Matt Damon und die anderen Gentleman-Gauner in »Ocean's Eleven« den Geist des liberalen Amerikas der Ost- und Westküsten-Großstädte verkörpert haben, so stehen Channing Tatum, Adam Driver und Daniel Craig für diejenigen, die sich ­abgehängt und verraten fühlen. Soderbergh ist den ländlichen Straßen nach Hause gefolgt, ins Herz jenes Landes, das im vergangenen November Donald Trump zum Präsidenten gemacht hat. Nicht um die Menschen dort anzuklagen, sondern um an ihre Ideen von Gemeinschaft und Gerechtigkeit zu ­erinnern, die im Grunde wenig mit denen von Trump und seiner Clique gemeinsam haben.

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