Kritik zu Unhinged – Außer Kontrolle

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Russell Crowe spielt einen im wahrsten Sinn des Wortes vor Wut rasenden Autofahrer in einem Film, der allzu schnell jeden Anspruch auf Realismus aufgibt und ganz auf B-Movie-Reize wie Action und Gewalt setzt

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Eine der ersten großen neuen US-Produktionen, die nach der Wiedereröffnung der Kinos rund um die Welt auf der Leinwand gesehen werden können – das sollte »Unhinged« werden, wenn es nach dem Wunsch der Produzenten gegangen wäre. Nach wie vor dramatische Corona-Zahlen aus den USA machten, zumindest zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses, vielerorts einen Strich durch diese Pläne. Doch immerhin in Deutschland konnte noch an ihnen festgehalten werden.

Erbauliches Post-Pandemie-Kino ist der Film nun allerdings wahrlich nicht. Viel mehr erzählt Regisseur Derrick Borte, dessen Arbeiten, etwa »The Joneses« mit Demi Moore oder das Punkdrama »London Town«, es hierzulande bislang nie in die Kinos geschafft haben, einen finsteren Fall von »road rage«, also wütend-gewalttätigem Verhalten im Straßenverkehr. Hier trifft es die gerade in Scheidung befindliche junge Mutter ­Rachel (Caren Pistorius), als sie eines Morgens ihren Sohn in Eile und bei viel zu viel Verkehr zur Schule fahren will. Ein genervtes Hupen an einer Kreuzung wird ihr zum Verhängnis. Denn im Auto vor ihr sitzt ein Mann (Russell Crowe), der Stunden zuvor bereits seine Ex-Frau samt Familie ermordet hat. Rasend vor Wut nimmt er die Verfolgung auf, nachdem Rachel ihn überholt hat...

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Nur für einen kleinen Moment sieht es in »Unhinged« anfangs danach aus, als ginge es tatsächlich um eine Auseinandersetzung mit dem wachsenden Aggressionspotenzial, das in westlichen Gesellschaften seit einiger Zeit überall zu beobachten ist. Doch dann wird schnell klar: Hier stehen nicht Erklärungsversuche auf dem Programm, sondern größtmögliche Eskalation. Der von Crowe mit der ihm eigenen Intensität gespielte Fremde ist kein Durchschnittsbürger, bei dem die Sicherung durchbrennt, sondern ein überzeichneter Psychopath, neben dem etwa Michael Douglas in »Falling Down« von 1993 wirkt wie eine psychologisch feinst ausgelotete Charakterstudie.

Bortes Film ist vieles: reichlich plump, mit schlichten Dialogen versehen und in einem Ausmaß gewalttätig, das nicht nur den zartbesaiteten Gemütern aufstoßen dürfte (eine besondere Rolle kommt dabei einer Friseurschere zu, doch das muss man selbst gesehen haben). Eines aber ist er nicht, und das ist langweilig. Wer etwas übrig hat für brutale Actionthriller ganz ohne Anspruch auf Realismus oder Glaubwürdigkeit, kommt hier in knackigen anderthalb Stunden durchaus auf seine Kosten. Und hin und wieder gelingt es Crowe, in seiner ersten Kinohauptrolle seit »The Nice Guys«, und vor allem der sehenswerten Caren Pistorius (die erstmals vor fünf Jahren in »Slow West« neben Michael Fassbender auffiel) sogar, die Sache leicht über B-Movie-Niveau zu heben. Allerdings sollte man sich auch nichts vormachen: Ohne die Corona-Pandemie und die dadurch bedingte schwierige Situation in der Kinobranche wäre »Unhinged« vermutlich eher eine DVD-Premiere unter vielen als ein mit Spannung erwarteter Kinofilm.

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Kommentare

Die 5,99€ die ich für dieses Meisterwerks bezahlt habe, tun mir wirklich weh. 2021 ging gut los.

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