Kritik zu Under the Tree

© Farbfilm Verleih

Mit einiger Verspätung kommt Hafsteinn Gunnar Sigurðssons kühler Nachbarschaftsthriller in unsere Kinos

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Man ehre den Baum des Schattens wegen, behauptet ein altes deutsches Sprichwort. Glaubt man Hafsteinn Gunnar Sigurđsson, dann ist das Gegenteil genauso wahr: dass es nämlich Menschen gibt, die den Baum gerade wegen seines Schattens verfluchen. Kaum verdunkelt das Blattwerk zum ersten Mal das Gesicht von Eybjörg, der etwas zu jungen »Trophy Wife« auf der anderen Seite des Gartenzauns, wissen wir, dass dieser Schatten nicht nur unwillkommen ist, sondern ein chronisches Ärgernis, das die nachbarschaftlichen Verhältnisse am Rande Reykjavíks mächtig belastet. Noch spielt sich kein offenes Drama ab unter dem Baum, aber die Zeichen stehen auf Sturm.

Zwei Paare leben da nebeneinander im schicken Reihenhaus. Die in die Jahre gekommenen Inga und Baldvin betrauern leise den schon eine Weile zurückliegenden Selbstmord ihres älteren Sohns. In Ingas Augen ist die sportliche Eybjörg eine »Fahrradschlampe«, ihr Mann Konrád bloß ein »Waschlappen«. Die einen lieben ihren Baum, die anderen sind davon genervt. Und nach ersten verbalen Scharmützeln bedarf es nur weniger Eskalationsstufen, um einen handfesten Nachbarschaftskrieg entbrennen zu lassen – da gibt es zum Beispiel durchstochene Autoreifen oder Gartenzwerge mit heruntergelassenen Hosen.

Ein klassisches Genremuster prägt die Story von »Under the Tree«, Sigurđsson verkompliziert die Angelegenheit in seinem vierten Spielfilm allerdings noch durch eine parallele Story, die zunächst nur lose mit dem Plot verbunden ist. Gleich zu Beginn erleben wir mit Atli und Agnes ein weiteres, deutlich jüngeres Ehepaar, das – eine interessante Spiegelung des zentralen Clinchs – in seiner Mietwohnung unter dem Lärm von nebenan an leidet, vor allem aber wegen eines delikaten Missverständnisses in eine handfeste Krise gerät. Als vermeintlicher Ehebrecher landet der etwas schusselige Atli vor der Tür und kehrt so notgedrungen zu seinen Eltern zurück: zu Inga und Baldvin, die inzwischen, nun ja, den Wald vor Bäumen nicht mehr sehen.

Einige Kritiker haben den Film, der bereits 2017 in Venedig lief, als Komödie bezeichnet, vermutlich wegen seiner durchaus vorhandenen schwarzhumorigen Anteile. Erstaunlich ist aber eigentlich, mit welchem Understatement Sigurđsson seine Geschichte erzählt, wie kühl und sachlich er selbst die schrilleren Momente in Szene setzt. Ruhig und unspektakulär entfaltet sich das Geschehen, und wären da nicht die in flüssige Bewegung gebrachten Widescreen-Bilder, man könnte das Ganze auch für ein ambitioniertes TV-Movie halten. Was vor allem fehlt, ist Empathie für die Charaktere, die zwar allesamt großartig gespielt sind, aber trotzdem keine Tiefe gewinnen und uns seltsam fremd bleiben. Die Frauen sind dabei von finsterer Härte und Grausamkeit, während die Männer ihnen letztlich hilflos ins sorgsam konstruierte Verderben folgen.

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