Kritik zu Über uns das All

© Real Fiction

2011
Original-Titel: 
Über uns das All
Filmstart in Deutschland: 
15.09.2011
K: 
L: 
88 Min
FSK: 
12

In seinem ersten Spielfilm jagt Jan Schomburg seine Hauptdarstellerin Sandra Hüller durch ein Wechselbad der Gefühle

Bewertung: 4
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Wenn es so etwas wie ein geordnetes, vielleicht auch erarbeitetes Glück gibt – Martha und Paul haben es eingefangen. Sie unterrichtet Englisch, er promoviert als Mediziner, beide leben in einer kleinen Wohnung, haben Freunde, pflegen ihre Paarrituale – zu denen, wie man annehmen muss, auch erfüllter Sex gehört. Als Paul seine Dissertation abgeschlossen hat, nennt sie sein Professor einen Meilenstein, erzählt der zum Doktor promovierte junge Mann seiner Frau. Als er ein Jobangebot aus Marseille erhält, beschließen beide, dorthin umzusiedeln. Paul fährt mit dem Golf schon mal vor, während Martha noch die letzten Dinge verpackt, um dann nachzukommen.

Vielleicht ist das alles ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Aber vielleicht weil man den beiden ihr Glück gönnt, bemerkt man kaum die leichten Risse, die Regisseur Jan Schomburg in das erste Drittel seines Films einstreut. Komischerweise folgt der Professor nicht einer Einladung zum Abendessen, eine Zärtlichkeit von Paul im Bett wirkt fast wie eine Abschiedsgeste, und vielleicht wartet Paul vor der Abreise nach Marseille ein bisschen zu lange im Auto. Über uns das All ist ein Film, der das zweite Sehen lohnt – und schon das hebt ihn aus dem Gros der deutschen Produktionen heraus.

Kurz vor Marthas Abreise nach Marseille stehen zwei Polizistinnen an der Tür. Schlechte Nachrichten. Paul hat sich in Frankreich umgebracht, mit Abgasen aus seinem Auto. Diese Szene ist ein großes inszenatorisches Meisterwerk: wie die beiden Polizistinnen fast verlegen herumstehen, linkisch, aber doch irgendwie mit Mitgefühl, so ganz anders und viel realistischer als die Kommissare in den Krimiserien des Fernsehens. Martha will das gar nicht wahrhaben, versucht, ihren Mann ans Handy zu kriegen, und glaubt auch noch nicht an seinen Tod, als die beiden sie auf die Polizeiwache mitnehmen. Und vielleicht wird sie es auch bis zum Ende des Films nicht realisiert haben.

Aber es kommt für Martha noch viel schlimmer: Der Professor kannte ihren Mann nur entfernt, promoviert hat Paul bei ihm nicht, er wurde vor vielen Jahren schon exmatrikuliert, und seine Dissertation hat er schlicht geklaut. Wer war dieser Paul wirklich, der so offensichtlich ein Doppelleben geführt hat? Und wie sah dieses Doppelleben aus? Martha und auch wir Zuschauer werden es nie erfahren, es bleibt eine Leerstelle in diesem Film, der so viele Geheimnisse und Rätsel nicht offenbart. Kennt man den Menschen wirklich, den man liebt?

Da ist er ganz anders als Hitchcocks Vertigo, bei dem sich am Ende das Puzzle zusammensetzt. Denn mit diesem Krimi hat Über uns das All einiges gemein. Gewissermaßen aus dem Reich der Toten, so der deutsche Titel von Hitchcocks Thriller, kommt auch die Handbewegung, die Martha bei ihren Recherchen am Universitätsdozenten Alexander (Georg Friedrich, der in diesem Film zumindest aus der Strizzi-Figur herauskommt) entdeckt: So hat sich Paul immer die Haare zurückgestrichen. Schnell fordert Martha ihn auf, bei ihr zu übernachten, und wir Zuschauer merken, dass wir sie auch nicht so recht kennen. So schnell? Ist es Zuneigung? Verdrängung? Wer ist Alexander für sie? Ein Mensch, der nur eine Leerstelle füllt? »And if you can’t be with the one you love . . . Love the one you’re with«, heißt es im Refrain eines alten Hits von Crosby, Stills, Nash & Young.

Auf alle Fälle wird Alexander in ihrem Leben bleiben, so viel sei verraten, und Jan Schomburg das Spiel mit dem Doppelgängermotiv noch weitertreiben – bis sich am Ende in der Sonne des Südens doch kaum etwas auflöst. Vieles wiederholt sich in diesem Film, der schon in seiner Struktur die Zahl zwei eingeschrieben hat. Selbst die kleinen Rituale, die Martha mit ihrem Mann spielte, feiern ihre Auferstehung. Die Figur der Martha, die ganz unerwartet in einen anderen Aggregatzustand fällt, ist eine Paraderolle für Sandra Hüller, die in ihren Parts neben sich stehen kann wie keine zweite Schauspielerin im deutschen Film. Selbstzweifel, Hysterie, Verleugnung, Aktionismus: In diesem Film kann sie die ganzen Register einer Frau in einer Ausnahmesituation ziehen. Und in Über uns das All darf sie auch eine große Liebende sein, denn es geht hier auch um die Stärke und Unbedingtheit des Gefühls. Darauf spielt schon die Exposition an, die Martha in der Schule Shakespeares Sonett 116 aufsagen lässt, in dem es heißt: Love »is an ever-fixed mark«.

Aber ist Über uns das All deswegen ein Liebesfilm? Oder doch ein Thriller? Oder nur eine interessante kinematografische Referenz? Ein Film über eine Frau, die schnell wieder ins Leben zurückfindet? Wahrscheinlich hasst Schomburg solche Zuordnungen. Er ist kein Psychologisierer, sondern ein Beobachter. Und Erklärungen hält sein faszinierender, mysteriöser und klug komponierter Film auch keine bereit. Denn vielleicht bestehen die besten Filme aus Geschichten, die nur durch sich selbst funktionieren, die nicht die Frage nach dem Warum und Wozu stellen und sie schon gar nicht beantworten.

Meinung zum Thema

Kommentare

Nach meiner Meinung einer der großartigsten Filme überhaupt, und Sandra Hüllers Darstellung der Szene mit der Todesnachricht ist geradezu sensationell. Sie "weiß", dass ihr Mann nicht tot ist, wie ein Astronaut, der gerade die Erde umrundet hat und dem man sagt, sie sei eine Scheibe.

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