Kritik zu Sto spiti – At Home

Trailer OmU © Arsenal Filmdistribution

Ein Hausmädchen wird nach zwanzig Jahren entlassen, weil sie Probleme mit ihrer Gesundheit bekommt. Der griechische Regisseur Athanasios Karanikolas erzählt von dieser sozialen Misshandlung vor allem auch als Akt des menschlichen Verrats

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Die Finanzkrise ist im zeitgenössischen Kino Griechenlands vor allem als gewalttätige Allegorie präsent. Athanasios Karanikolas verzichtet in Sto spiti – At Home auf Sinnbilder, sein Film überzeugt im Gegenteil durch eine bestechend klare Ästhetik und eine minimalistische Inszenierung. Es geht gewissermaßen um eine Krisenarchitektur. Das geschmackvoll gestaltete Haus von Stefanos und Evi liegt hoch über der Ägäis auf einem Felsen, geometrische Linien fügen sich zu aufgeräumten modernistischen Formen. Solche Häuser, viel Beton, viel Glas, wurden in den vergangenen zwanzig Jahren im Zuge der Olympischen Spiele, die ein neues, modernes Griechenland repräsentieren sollten, zuhauf gebaut. Inzwischen werden die völlig überteuerten Spiele als Beginn der Finanzkrise bezeichnet, und das Haus von Stefanos und Evi, einem gut situierten Paar mit dreizehnjähriger Tochter, erhält eine gewisse Symbolkraft. Karanikolas inszeniert die klaren architektonischen Linien wie scharfe Begrenzungen, die die Menschen einzusperren scheinen. In seiner Formsprache kommt eine latente Gewalt zum Ausdruck.

Von einer finanziellen Krise handelt Sto spiti – At Home nur im erweiterten Sinne, der Film beschreibt vielmehr eine zwischenmenschliche Krise: einen Vertrauensbruch. Nadja, eine georgische Migrantin, arbeitet seit vielen Jahren für Stefanos und Evi. Sie hat schon die Geburt von Tochter Iris miterlebt und wird wie ein Familienmitglied behandelt. Die Grenzen zwischen Dienstleistung und Freundschaft verlaufen fließend. Wenn Nadja ein Designerkleid Evis trägt, werden die sozialen Unterschiede auch äußerlich unsichtbar. Es beginnt damit, dass Nadjas Beine Taubheitserscheinungen zeigen. Eines Tages bricht sie einfach zusammen, ihr Freund Markos kümmert sich liebevoll um sie. Die Finanzkrise und Nadjas gesundheitliche Verfassung spitzen sich zu. Stefanos muss möglicherweise in ein anderes Land versetzt werden, doch vor allem beunruhigt ihn die Anwesenheit der kranken Nadja. Als sich ihr Krankheitsbild weiter verschlechtert, reift in ihm die Entscheidung heran, Nadja gegen eine großzügige Abfindung zu entlassen.

Sto spiti – At Home gelangt zu diesem Bruch im sozialen Gefüge ohne äußere Empörung. Man könnte Karanikolas unterkühlten Stil leicht für mitleidlos halten. Er verschafft Maria Kallimani in der Rolle der Nadja aber im Gegenteil eine imponierende darstellerische Freiheit, die die vielen Nuancen ihrer Verletzung – von Trauer über Fassungslosigkeit bis Stolz – zum Vorschein bringen. Nadja will kein Geld, sie möchte Anerkennung: als Mensch, als Freundin. Markos wiederum wirft ihr Naivität vor: Sie habe sich von der Freundlichkeit der Familie täuschen lassen. Doch ihr sanftes Insistieren auf die Erfüllung eines unausgesprochenen Kontrakts ist die ehrlichste Reaktion auf die Bedrohung durch eine ökonomische Krise. Nadja erinnert in ihrem unerschütterlichen Vertrauen an eine Heldin der Dardenne-Brüder. Karanikolas architektonische Formsprache fungiert als soziales Gefängnis, aus dem sich die Frau unbeirrt zu befreien versucht.

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