Kritik zu Steve Jobs

© Universal Pictures

Danny Boyles Biopic »Steve Jobs« stellt nach anderen Dokumentar- und Spielfilmen über den kalifornischen Unternehmer den neuesten Versuch dar, der Kultfigur ein Denkmal zu setzen und sie zugleich als Exempel smarter Hybris zu dekonstruieren

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Steve Jobs wusste, was eine perfekte Performance wert ist. Der Mitgründer und langjährige Frontmann des Apple-Konzerns inszenierte präzise Bühnenshows, in alle Welt gesendete Live-Events, in denen er in Jeans und schwarzem Rollkragenpulli die neuen Produkte seiner Computermarke vorstellte. Er war der Popstar unter den Hackern und späteren Managern der elektronischen Revolution, ein posthippiesker Neoliberaler, der sich ausgerechnet auf die Charakterköpfe John Lennon und Bob Dylan berief.

Was wäre der logische Algorithmus, nach dem sich seine archetypische, amerikanische Erfolgsstory in die Sprache eines packenden Kinoereignisses transformieren ließe? Aaron Sorkin, selbst ein erfolgreicher Theatermann, Serienexperte und nicht zuletzt der Drehbuchautor des themenverwandten, dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg gewidmeten »The Social Network«, griff sich Jobs' Performanceprinzip als Modell für sein Drehbuch heraus. Die pralle Geschichte von Liebe und Verrat, die Sorkins Vorlage, eine von Jobs autorisierte Biografie von Walter Isaacson, bietet, schießt im Film in ein dreiaktiges Drama zusammen, das drei Backstage-Episoden unmittelbar vor den Launch-Events für den Macintosh 1984, den NeXT-Computer 1988 (das Produkt einer von Jobs gegründeten Konkurrenzfirma) und den iMac 1998 umfasst.

Drei historische Events in großen Auditorien, drei Mal Lampenfieber und Probenpannen, im Zentrum immer das Alphatier vor Top oder Flop. Michael Fassbender verkörpert den dauerdynamischen Schlacks, ohne Steve Jobs' Image-Porträts auch nur annähernd ähnlich zu sehen, glänzt aber mit seinem schier unfassbaren Vermögen, die pausenlos dichte Folge geschliffener Dialoge von Shakespeare'scher Wucht abzufeuern.

Der Brite Danny Boyle und sein deutscher Kameramann Alwin H. Küchler durchbrechen die Fixierung der Ereignisse auf die labyrinthische Innenwelt von Bühnenhäusern, indem sie die Zeitsprünge, den Wechsel der Moden und Filmtechniken visualisieren. So ist die erste Episode in körnigem 16-mm-Material gedreht, das noch Underground-Charme verspricht, die zweite in hochkarätigem 35 mm, die dritte in hyperfotografischem HD.

Gleich in der ersten Szene sieht man Fassbenders Jobs-Figur ausrasten, als vor der Präsentation des Macintosh dessen Funktion, den Nutzer mit »Hallo« zu begrüßen, ausfällt. Der Mann, der im Eilschritt vor der dynamischen Steadycam zwischen Technikern, Garderobe und Lagebesprechungen mit Joanna (Kate Winslet) hin und her eilt, outet sich schnell als egomanischer Fiesling.

Sorkins Script schickt Jobs immer wieder seine Nemesis-Figuren in den Weg. Steve Wozniak (Seth Rogen), der begnadete Programmierer, in den 70er Jahren der eigentliche Held des Heimcomputers, droht die rauschhafte One-Man-Show zu stören, indem er Jobs – teils als realer Eindringling in den Backstage-Bereich, teils als Wiedergänger in Rückblenden – daran erinnert, dass auch andere am Apple-Erfolg gearbeitet haben. Eine weitere Erscheinung aus der Vergangenheit ist Ex-Apple-CEO John Sculley (Jeff Daniels), der den Machtkampf mit Jobs in einem wortgewaltigen Rededuell fortführt.

Aaron Sorkins Script legt das Theatermotiv wie ein erhabenes Klassiker-Passepartout über Jobs' moderne Karrierestory. Bei aller schauspielerischen und visuellen Virtuosität verliert sich der Film in die klappernde Mechanik gängiger Theater- und Fernsehtricks. Gänzlich zur Seifenoper wird »Steve Jobs« in seinem Leitmotiv: Lisa, Steve Jobs' lange nicht anerkannte Tochter aus einer frühen Beziehung, tritt mit ihrer um finanzielle Unterstützung bittenden Mutter Chris­ann (Katherine Waterston) in jeder Episode auf, sie macht den gefühlsamputierten Supermann mit ihrem Computerwissen stolz und rührt sein Gewissen.

Aaron Sorkin und Danny Boyle schildern einen Narzissten, dessen Welt sich einzig nach Gewinn und Verlust im spektakulären Schlagabtausch ordnet. Über die Reflexion der elektronischen Revolution, die Jobs mitanstieß, mogelt sich das Performanceschema hinweg.

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