Kritik zu Splitter Afghanistan – Wie kann ich Frieden denken

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2013
Original-Titel: 
Splitter Afghanistan - Wie kann ich Frieden denken
Filmstart in Deutschland: 
22.01.2015
L: 
74 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Helga Reidemeister ist seit 2002 acht Mal nach Afghanistan gereist. Im Abschlussfilm ihrer Trilogie stehen die Minenopfer im Mittelpunkt

Bewertung: 3
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Es beginnt und endet mit einem Schuss. Der Krieg geht weiter in Afghanistan, und es sieht so aus, als sei das – im Mai 2011 – die letzte Reise der mittlerweile 75-jährigen Dokumentarfilmerin Helga Reidemeister dorthin gewesen. Anders als in früheren Jahren sind Ausländer dort heute unerwünscht und leben – außerhalb von Kabul – zunehmend gefährlich. Als das Filmteam von einem Paschtunen in ein Dorf nahe der pakistanischen Grenze eingeladen wird, brechen sie trotz der ausdrücklichen Warnung des deutschen Generalkonsulats auf, müssen bei Ankunft jedoch feststellen, dass ihre Kamera und der Kameramann nicht erwünscht sind. Die Lebensverhältnisse scheinen sich in Afghanistan trotz der langjährigen fremden Einflussnahme und den enormen Hilfszahlungen eher verschlechtert zu haben. Das von Amerika und Nato durch Streubomben und Minen total verminte Land produziert immer mehr Krüppel, der Analphabetismus scheint ungebrochen.
 
Das, was der Film von Afghanistan zeigt, sind zwar Splitter, eine Sammlung von Eindrücken wie die von Trümmern gesäumten verschlammten Straßen, mittelalterliche Behausungen, Armut, archaische Familienstrukturen, in denen die Frauen außer Sichtweite gehalten werden. Doch die im Off zu hörende Erzählerin (die Regisseurin selbst) wird nicht müde, ein kämpferisches und stolzes Volk voller Zukunftswillen und Tatkraft zu bewundern, das die von Allah auferlegten Prüfungen in Würde erträgt. Die verrosteten britischen Panzer von 1919 am Wegesrand sollen als Zeugen dafür herhalten, dass hier äußere Feinde noch nie einen guten Stand hatten, innere jedoch von jeher geduldet werden. Dazu muss man wohl auch die Taliban zählen, die wieder neuen Zulauf erfahren.  Es fällt schwer, Helga Reidemeisters wohlwollende Beobachtungen und Schlussfolgerungen ohne Widerspruch hinzunehmen.
 
Der Erzählschwerpunkt des Films liegt – wie schon in ihren frühen Frauenfilmen – bei den Opfern und den effektiven Hilfsmaßnahmen. Dafür steht das orthopädische Krankenhaus von Kabul, das einzige weit und breit, das auch noch die Anrainerstaaten zu versorgen hat. Am liebsten hätte die Regisseurin den rührigen Leiter, den Italiener Alberto Cairo porträtiert, aber der lehnte aus Zeitmangel ab. Hier lernen Schwerverletzte, darunter viele Kinder, wieder auf eigenen oder eingesetzten Füßen und Beinen zu stehen, ihre Beinstümpfe selbst zu massieren und zu wickeln und machen bei alledem ein fröhliches Gesicht. Gesund werden, lesen und schreiben lernen bilden hier eine Einheit und beweisen, wie man mit einem sinnvollen Konzept ein kleines Stück Fortschritt in eine sonst in ihren Traditionen verharrende Gesellschaft bringen kann. Helga Reidemeister ist von ihrem Prinzip Hoffnung einfach nicht abzubringen. Wenn zuletzt der kleine Sher Achmad ohne fremde Hilfe auf beiden Beinen den Heimweg antritt, scheint ein Wunder geschehen. Den etwas scheuen Blick aus kohlschwarzen Augen vergisst man nicht. Was dieser Blick verheißt, wissen wir nicht.

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